﻿{"id":1928,"date":"2023-09-28T11:28:30","date_gmt":"2023-09-28T09:28:30","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-8\/"},"modified":"2023-10-27T16:29:24","modified_gmt":"2023-10-27T14:29:24","slug":"essays-zur-literatur-8","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-8\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #8"},"content":{"rendered":"<h4>Lukas Pellmann, \u201e<strong>Ich t\u00f6te wen ich will\u201c<\/strong>\u00a0von <strong>Fabio Stassi<\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich sind es ja zwei spannungsgeladene Handlungsstr\u00e4nge, die Fabio Stassi in seinem Kriminalroman <em>Ich t\u00f6te wen ich will<\/em> auf knapp 300 Seiten vorantreibt. Denn als gleich zu Beginn des Buches Unbekannte das Appartement des Hauptprotagonisten Vince Corso verw\u00fcsten, bringen sie nicht nur dessen B\u00fccher- und Plattensammlung scheinbar wahllos komplett durcheinander, sie vergiften auch Corsos Hund Django. Die Frage, ob der Vierbeiner dieses Martyrium \u00fcberstehen wird, treibt den Leser \u2013 so er es denn mit Hunden h\u00e4lt \u2013 fortan mindestens genauso um, wie die sich aus dem Einbruch ergebenden ermittlungstechnischen Entwicklungen, in denen Corso h\u00f6chstselbst und wesentlich schneller als ihm lieb ist, zu einer zentralen Figur wird.<\/p>\n<p>Ob Stassi antizipiert hat, was er lesenden Hundefreund*innen mit diesem Handlungsstrang antut oder diesen sogar ganz bewusst in seinem Kriminalroman platziert hat, l\u00e4sst sich schwer beantworten, ohne mit dem Autor selbst dar\u00fcber gesprochen zu haben. Ich k\u00f6nnte mir aber gut vorstellen, dass Stassi durchaus zahlreiche Zuschriften von lesenden Hundefreund*innen erhalten hat, die ihn f\u00fcr den grausamen literarischen Umgang mit einem Hund kritisierten und\/oder sich erleichtert zeigten, dass der Autor den Hund am Ende der Handlung \u2013 Vorsicht, Spoiler! \u2013 doch noch verschonte und am Leben lie\u00df. Denn \u00e4hnlich ist es mir nach meinem j\u00fcngsten Kriminalroman ergangen, in dem der Hauptprotagonist von einer H\u00fcndin namens Bella begleitet wird. Diese wird zwar nicht vergiftet, doch bleibt am Ende offen, ob die beiden eines Tages wieder zueinander finden werden. Die Herausforderungen, denen sich mein Protagonist im Laufe der Handlung stellen musste, riefen nicht ann\u00e4hernd so viele Reaktionen der Leser*innen hervor, wie das Schicksal von H\u00fcndin Bella. \u00c4hnlich k\u00f6nnte es sich vielleicht auch bei jenen R\u00fcckmeldungen verhalten haben, die Stassi als Reaktion auf die italienische Erstver\u00f6ffentlichung von <em>Uccido chi voglio<\/em> im Jahr 2020 erhalten hat.<\/p>\n<p>Der Hund Django, an dessen Krankenbett Vince Corso zahlreiche Stunden Wache h\u00e4lt, ist eine Ursache daf\u00fcr, dass ich den erstmals 2022 in deutscher \u00dcbersetzung in der Edition Converso erschienenen Kriminalroman von Fabio Stassi geradezu verschlungen und sehr zu sch\u00e4tzen gelernt habe. Der zweite Grund liegt in der spannend und kunstvoll angelegten Herleitung und Aufl\u00f6sung des Kriminalfalls, in den Stassi seinen Protagonisten verwickelt. Denn eine Mordserie, die scheinbar nichts mit seiner verw\u00fcsteten Wohnung zu tun hat, nimmt in Rom ihren Lauf und beginnt, immer engere Kreise rund um Vince Corso zu ziehen, bis er schlie\u00dflich h\u00f6chstselbst, wie durch eine unsichtbare Hand, just zu jenem Zeitpunkt an jene Orte gef\u00fchrt wird, die sich in der Folge als Tatort entpuppen. Das mag in vielen Kriminalromanen plump und ein bisschen zu konstruiert wirken, bei Fabio Stassi kommt ein solcher Gedanke den Leser*innen jedoch erst gar nicht in den Sinn, denn es erscheint ob der Handlung einfach als geradezu zwingend, dass Corso auf diese Art und Weise direkt mit den Taten in Kontakt kommt und somit selbst ins Visier der polizeilichen Ermittlungen ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Als ich mich vor dem Kauf des Buches das erste Mal mit dem Hauptprotagonisten sowie der Handlung vertraut gemacht hatte, schrak ich kurz davor zur\u00fcck, tats\u00e4chlich zu <em>Ich t\u00f6te wen ich will<\/em> zu greifen. Denn gar nicht so selten kommt es vor, dass Autor*innen sich mit einer in der Buchbranche spielenden Handlung oder einer\/einem Buchh\u00e4ndler*in als T\u00e4ter\/Opfer bei jener Berufsgruppe einzuschmeicheln versuchen, zeichnen diese doch letztlich daf\u00fcr verantwortlich, das jeweilige Buch anzupreisen und zu verkaufen. Doch die nachdr\u00fcckliche Empfehlung in der Buchhandlung List in der Porzellangasse lie\u00df mich dann doch Vertrauen gewinnen. Und ich wurde nicht entt\u00e4uscht. Denn Fabio Stassi hat die Figur seines Protagonisten Vince Corso derart elegant und kreativ in die Welt der Literatur hineingepflanzt, dass es eine Freude war, sich voll und ganz auf den Bibliotherapeuten mit seinem schier unendlichen Wissen aus der Welt der B\u00fccher einzulassen.<\/p>\n<p>Egal ob <em>Moby Dick<\/em> von Herman Melville, Franz Kafkas <em>Die Verwandlung<\/em> oder die <em>Philosophie der symbolischen Formen<\/em> von Ernst Cassirer \u2013 Stassi baut zahlreiche Meisterwerke der Weltliteratur so gekonnt und gleichzeitig unaufdringlich in die Handlung seines Kriminalromans ein, dass man sich mit dem Lesen dieses Buches praktischerweise auch gleichzeitig ein erweitertes Einf\u00fchrungsseminar im Literaturstudium sparen k\u00f6nnte \u2013 inklusive detailliertem Anmerkungsteil mit Literaturempfehlungen im Anhang des Buches. Dort erf\u00e4hrt man zum Beispiel, welcher Roman f\u00fcr all jene geeignet ist, die von Duplikaten und Verdoppelungen besessen sind oder warum Leser*innen, die ein besonderes Auge auf falsche Angaben und Druckfehler geworfen haben, unbedingt Adriano Sofris <em>Kafkas elektrische Stra\u00dfenbahn<\/em> lesen sollten. So bescherte mir <em>Ich t\u00f6te wen ich will<\/em> nicht nur einen unterhaltsame und spannungsgeladene Lekt\u00fcre, sondern diente mir gleichzeitig auch als Inspirationsquelle f\u00fcr weitere Werke und literarische Entdeckungsreisen, die ich ohne Fabio Stassis Werk sehr wahrscheinlich nicht (oder erst \u00fcber Umwege) eingeschlagen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und Stassi nimmt die Leser*innen nicht nur mit auf einen Ritt durch die Weltliteratur, er l\u00e4dt in <em>Ich t\u00f6te wen ich will<\/em> auch dazu ein, die Gassen, M\u00e4rkte und Sehensw\u00fcrdigkeiten der Millionenmetropole am Tiber auf den Spuren des durch die Stadt streifenden Vince Corso zu erkunden. Wenn Stassi das pr\u00e4chtige Gem\u00fcse und die herrlichen Fr\u00fcchte beschreibt, die am Nuovo Mercato Esquilino angeboten werden, tauchen Auberginen, Papaya und indische Zucchine vor dem geistigen Auge der Leser*innen auf, steigen die Ger\u00fcche von Safran und Kaffee in die Nase und verharren dort so lange, bis wir Vince Corso dabei begleiten, wie er mit blutgetr\u00e4nktem Hemd die Leiche eines jungen Mannes auf einen Verkaufsstand hebt, den zuvor noch Krustentiere, Kraken und Mollusken exklusiv f\u00fcr sich hatten. Ganz ohne anschlie\u00dfend von einer Leiche abgelenkt zu werden, erf\u00e4hrt man als Leser*in kurz zuvor, dass der B\u00e4cker Eurysaces es vor langer Zeit fertiggebracht hatte, sich eine imposante Grabst\u00e4tte vor der Porta Maggiore zu sichern und diese anschlie\u00dfend in der Gestalt eines Ofens ausgestalten zu lassen, inklusive Abbild jener M\u00fcnder von Knettr\u00f6gen, die er bei seiner tagt\u00e4glichen Arbeit benutzte. Im \u00dcbrigen nicht nur eine Grabst\u00e4tte f\u00fcr sich selbst, sondern auch f\u00fcr seine Gattin, deren Urne sich ebendort in Form eines Brotkorbes befindet. F\u00fcr Stassi (und in der Folge auch f\u00fcr seine Leser*innen) eine Erinnerung daran, dass sich in jedem Ofen sowohl Sauerteig als auch Asche befindet.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich nimmt uns Stassi auch an Orte mit, die ein Tourist vielleicht so nie zu Gesicht bekommen w\u00fcrde, wie zum Beispiel jenen Teil der unterirdischen Basilika von Porta Maggiore, zu dem Besucher in der Regel keinen Zutritt haben und in dem er seinen Protagonisten Vince Corso einen gespenstischen Totentanz mitansehen l\u00e4sst. Ob es einen solch\u2019 geheimen Ort, an dem Corso mit an die Brust gezogenen Knien kauert, in den unterirdischen Gew\u00f6lben tats\u00e4chlich gibt, ist dabei gar nicht so wichtig, denn alle beschriebenen \u00d6rtlichkeiten passen einfach perfekt in die Erz\u00e4hlung, scheinen in der Vergangenheit geradezu erschaffen worden zu sein, extra f\u00fcr die Verwendung in diesem Meisterwerk der italienischen Kriminalliteratur. Die Leser*innen begleiten Vince Corso nicht einfach nur auf all dessen Streifz\u00fcgen durch Rom, sie schauen ihm nicht einfach nur \u00fcber die Schulter. Nein, Fabio Stassi versteht es kraft seines literarischen K\u00f6nnens, dass die Leser*innen all diese Erlebnisse und Beobachtungen mit den eigenen Augen miterleben k\u00f6nnen. Der Autor beschreibt nicht einfach nur was sich vor Ort abspielt, er tut das, was gute Literatur auszeichnet: Er versetzt die Leser*innen in die Situation, selbst vor Ort alles miterleben zu k\u00f6nnen \u2013 sie werden Augenzeug*innen der Erz\u00e4hlung. Und werden gegen Ende des Kriminalromans merken, dass nicht nur reale Figuren und echte Orte Vorbild f\u00fcr einen Roman werden k\u00f6nnen. Sondern dass es sich beim Wechselspiel zwischen Fiktion und Realit\u00e4t um eine Stra\u00dfe handelt, die in beide Richtungen befahren werden kann.<\/p>\n<p>So ganz nebenbei, quasi als St\u00e4dtetipp im St\u00e4dtetrip, erf\u00e4hrt man in <em>Ich t\u00f6te wen ich will<\/em> \u00fcbrigens auch noch von der Existenz eines Museums der abgebrochenen Beziehungen in Zagreb. Es h\u00e4tte diesen Hinweis nicht gebraucht, doch erinnert es den Rezensenten daran, dass die Beziehung zu den B\u00fcchern von Fabio Stassi fortan nicht so schnell wieder abgebrochen werden wird \u2013 ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Lukas Pellmann<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lukas Pellmann lebt seit seinem elften Lebensjahr in Wien. An der Universit\u00e4t Wien studierte er Geschichte &amp; Politikwissenschaft, seitdem war\/ist er unter anderem als Journalist und Blogger t\u00e4tig. Im Herbst 2015 erschien mit <em>Mord im Zweiten<\/em> sein erster interaktiver Fortsetzungskrimi, zugleich war dies der erste Fall f\u00fcr das in Wien-Leopoldstadt ermittelnde Duo Chefinspektorin Vera Rosen sowie den urspr\u00fcnglich aus Deutschland stammenden Kommissar Moritz Ritter. Bei <em>Mord im Zweiten<\/em> konnten Leserinnen und Leser via Social Media erstmals aktiver Teil der Handlung werden. Es folgten die interaktiven Fortsetzungen <em>H\u00e4ngende Spitze<\/em>, <em>Instamord<\/em> und <em>Ehrenrunde<\/em>. Im Juni 2018 erschien mit <em>Prater \u2013 Ein dystopischer Heimatroman<\/em> Lukas Pellmanns erster Roman.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Essays-zur-Literatur-8.-Lukas-Pellmann.-Ich-tote-wen-ich-will-von-Fabio-Stassi.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lukas Pellmann, \u201eIch t\u00f6te wen ich will\u201c\u00a0von Fabio Stassi &nbsp; Eigentlich sind es ja zwei spannungsgeladene Handlungsstr\u00e4nge, die Fabio Stassi in seinem Kriminalroman Ich t\u00f6te wen ich will auf knapp 300 Seiten vorantreibt. 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