﻿{"id":2169,"date":"2023-10-27T16:11:29","date_gmt":"2023-10-27T14:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-9\/"},"modified":"2023-10-27T16:14:40","modified_gmt":"2023-10-27T14:14:40","slug":"essays-zur-literatur-9","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-9\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #9"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Mieze Medusa und\u00a0<\/strong><strong>Lara Cardellas \u201eIch wollte Hosen\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Wollen von Hosen<\/p>\n<p>Die Welt ist gro\u00df. In ihr gibt es sehr viele B\u00fccher. Deshalb sind wir angewiesen auf Empfehlungen und Geschenke. Wir sind darauf angewiesen, dass Menschen uns ihre Lekt\u00fcren ans Herz legen.<br \/>\nLara Cardella war so ein Geschenk. Es wurde mir von meiner Mama ans Herz gelegt. Ich bin nicht sicher, ob sie es selbst gelesen hat. Ich nehme an, sie hat im Radio davon erfahren. Ihr Lieblingsradiosender war \u00d61. Beim Kochen h\u00f6rte sie Radio (\u00d61), beim B\u00fcgeln schaute sie fern (Quizsendungen). Sie hatte nat\u00fcrlich ein Leben au\u00dferhalb des Haushalts, aber sie h\u00e4tte sich wiedergefunden in den Schilderungen des Heranwachsens in \u2013 wie man bei uns versch\u00e4mt sagt \u2013 bescheidenen Verh\u00e4ltnissen. Ich wei\u00df nicht, ob sie sich mit dem Heranwachsen geplagt hat, sie war ja schon erwachsen, als ich sie kennenlernte, aber sie wohl geahnt, dass Lara Cardellas Buch f\u00fcr mich interessant sein k\u00f6nnte. <em>Volevo i pantaloni<\/em> ist 1990 in Christel Gallianis deutschsprachiger \u00dcbersetzung erschienen ist, hat \u00d61 wohl berichtet, die Mama hat zugeh\u00f6rt und ich hatte ein neues Buch und eine Riesengro\u00dfe Freude damit. Mama hat sich damals vielleicht gedacht: Die Tochter ist auch grad rebellisch, die tut sich auch grad schwer mit dem M\u00e4dchen-sein und Frau-werden, das passt doch.<br \/>\nVielleicht hat sie sich aber auch gedacht: Die Tochter darf nat\u00fcrlich Hosen tragen, wenn sie will. Ihr Zimmer hat eine T\u00fcr, den Schl\u00fcssel haben wir zwar versteckt, weil: Was, wenn es brennt, aber wir klopfen, bevor wir reingehen. Soll sie mal sehen, wie gut es ihr geht.<\/p>\n<p>\u201eEs war eine zu hohe Mauer zwischen Frausein und Personsein; es gelang mir nicht mich anzupassen.\u201c<\/p>\n<p>Verschlungen habe ich das Buch. Mit was f\u00fcr einem Tempo und direktem Blick erz\u00e4hlt uns die Autorin Lara Cardella von \u201eihrem\u201c Dorf, das wir nicht kennen, in dem wir aber sofort orientiert sind. Wir kennen die Schule, die Gedankenwelt, die Tr\u00e4ume und die stechende Sonne. Wir kennen den Gott des Dorfes und den Gott, der dem M\u00e4dchen nah ist und es bedingungslos akzeptiert. Wir kennen den Stillstand und den Dorftratsch. Den unerbittlichen Motor der Fantasie, der aus einem hinkenden Kirchgang ein gefallenes M\u00e4dchen macht und nicht, weil das M\u00e4dchen wirklich gefallen ist und sich dabei verletzt hat. Wir kennen die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der Gewalt den Alltag der Sch\u00fclerinnen bestimmt.<br \/>\nWir sind bezaubert von der Resilienz und dem sprachlichen Witz mit dem Annette, die Ich-Erz\u00e4hlerin im Buch, einen eigenen Blick auf die Welt etabliert. Das w\u00e4rmt noch heute.<br \/>\nEs hat einen ganz eigenen Reiz, ein Buch, das man sehr jung und sehr begeistert gelesen hat, Jahrzehnte sp\u00e4ter nochmals zu lesen. Es ist eine Chance, sich selbst zu treffen. In der Version von damals. Was f\u00fcr eine bezaubernde Wiederbegegnung mit den rotgl\u00fchenden Wangen beim Lesen damals. Mit den eigenen Hoffnungen, Tr\u00e4umen und \u00c4ngsten. Unsere Erinnerung ist ein riesengro\u00dfer Speicher. Aus dem Stand gefragt, h\u00e4tten wir wahrscheinlich Schwierigkeiten, den Inhalt des irgendwann gelesenen Buches wiederzugeben, aber beim Wiederlesen springt die Erinnerung an. Das Kribbeln beim Lesen. Ich erkenne die S\u00e4tze wieder, sehe immer noch den Witz und die Resilienz, sehe klarer als damals die Gewalt, die v\u00f6llig normal ist. Die wirklich nicht v\u00f6llig normal ist, darum geht es ja eben. Davon erz\u00e4hlt das Buch: Das Gewalt und Abwertung von Frauen nicht normal sein darf, dass diese Normalit\u00e4t ein Skandal ist und ein Unrecht.<br \/>\nDamals las ich in \u00dcbereinstimmung mit der Ich-Erz\u00e4hlerin: Ich wollte wissen, warum so getan wird, als w\u00e4re Frausein und Mannsein so unterschiedlich. Warum ich akzeptieren m\u00fcssen soll, dass der erste Blick Richtung Busen geht und es etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches ist, wenn man mir in die Augen schaut und zuh\u00f6rt, wenn ich rede. Ich wollte wissen, ob das so sein muss. (Muss es nicht!). Was man dagegen tun kann. (Mithelfen, die Gesellschaft umzukrempeln! Tabus brechen! M\u00e4dchen und Frauen glauben, wenn sie von sich erz\u00e4hlen. Ein Buch verschenken, dass das alles tut!)<\/p>\n<p>\u201eIch war nicht sonderlich f\u00fcr Hausarbeit begabt, noch weniger f\u00fcrs humanistische Gymnasium; vielleicht eignete ich mich f\u00fcr gar nichts, aber irgendetwas musste ich ja tun&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Es gibt noch einen Grund, warum mir das Buch so ins Herz erz\u00e4hlt hat: Annette, wenn sie sich selbst beschreibt, ist ganz normal. Sie ist nicht besonders sch\u00f6n, sie ist nicht besonders klug, sie will gar nicht viel.<br \/>\nHosen tragen.<br \/>\nEin Mann sein, aber vielleicht ist Frausein okay, wenn man als Frau teilnehmen k\u00f6nnte am \u00f6ffentlichen Leben. Auf der Stra\u00dfe spazieren, Entscheidungen f\u00fcr das eigene Leben treffen, auf eine Party gehen, ein Date haben&#8230; Keine sehr gro\u00dfen Sachen, eigentlich. Sollte man meinen.<\/p>\n<p>La Revenge del Dorfklatsches<\/p>\n<p>Wer ist eigentlich der gro\u00dfe Widerpart der W\u00fcnsche von Annette? Das ganze Dorf. Alle sehen alles, alle reden \u00fcber alles. Wenn es mal nichts zu sehen geben sollte, dann gibt es immer noch die Fantasie.<\/p>\n<p>\u201eMein Dorf hat nie viel geboten, keine Freizeitbesch\u00e4ftigung, keine Vergn\u00fcgungen, und bei k\u00f6rperlicher Tr\u00e4gheit bl\u00fcht die Einbildungskraft.\u201c<\/p>\n<p>Darin \u00fcbrigens \u00e4hnelt Lara Cardellas Roman dem Gesamtwerk von Jane Austen: Eine Beziehungsgeschichte eines jungen Paares im Vordergrund w\u00e4hrend im Hintergrund wie nebenbei ein gesamtgesellschaftliches Tableau aufgezogen wird. Abgesehen von den Passagen \u00fcber den Dorfklatsch, findet die politische Dimension der Gastarbeit Eingang in den Roman. Der \u00e4ltere Bruder zieht nach Deutschland, um dort sein Gl\u00fcck zu suchen, aber stattdessen die Arbeit in der Fabrik zu finden, mit der es kaum m\u00f6glich ist, die eigene, inzwischen gegr\u00fcndete Familie zu ern\u00e4hren.<br \/>\nOder das soziale Gef\u00e4lle Italiens. Die Mitsch\u00fclerin Angelina, die mit ihren wohlhabenden Eltern aus dem Norden hergezogen ist, ist nicht nur Motor f\u00fcr die Handlung, sie macht einiges sichtbar: Die gesellschaftliche Funktion von Hochsprache und Dialekt, der beschr\u00e4nkte Zugang zu Warmwasser, die Freiheit, die ein eigenes Zimmer (A Room of One\u2018s Own) und mehr als ein Bad bringt. Der Geruch nach Schwei\u00df, der \u00fcber dem Dorf h\u00e4ngt. Mit ihr tritt auch die Notwendigkeit in das Buch, eine ganz gro\u00dfe Wahrheit an- und auszusprechen: Es ist eine L\u00fcge, dass M\u00e4dchen und Frauen im \u00f6ffentlichen Raum besch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Die gr\u00f6\u00dfte Gef\u00e4hrdung geht von der eigenen Familie aus, von den V\u00e4tern, den Onkeln, von denen, die vorgeben, M\u00e4dchen und Frauen und deren \u201eEhre\u201c notfalls mit Gewalt zu besch\u00fctzen.<br \/>\nAm Ende des Buches finde ich einen Satz wieder, den ich, bei allen Fehlern, die in meiner Inhaltsangabe zu finden gewesen w\u00e4ren, wenn ich das Buch nicht nochmal gelesen h\u00e4tte, noch hingebracht h\u00e4tte. Was f\u00fcr ein Ende, was f\u00fcr eine Punchline.<br \/>\nAber ich verrate sie nicht. Ich lade euch ein, das Buch zu lesen, zu verschenken und weiterzuempfehlen.<\/p>\n<p>Was ich mir selbst empfehle?<br \/>\nMich auf die Suche zu machen. Was schreibt eine Autorin, die mit 19 zu einer Bestseller-Autorin geworden ist, in den Jahrzehnten danach? Wer sind die neuen Stimmen, von denen ich mir w\u00fcnsche, dass sie \u00fcbersetzt werden, weil ich mit ganz wenigen Ausnahmen darauf angewiesen bin, dass Literatur \u00fcbersetzt wird? Von welchen B\u00fcchern w\u00fcnsche ich mir, dass sie weiterhin gelesen werden? Wem kann ich sie schenken?<\/p>\n<p>Mieze Medusa<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mieze Medusa ist Autorin, Poetry Slammerin und Rapperin. 2022 ist ihr aktueller Roman <em>Was \u00fcber Frauen geredet wird<\/em> im Residenz Roman erschienen. Im Mittelpunkt stehen ganz unterschiedliche Frauen, die aktiv ihr Leben gestalten, w\u00e4hrend sie versuchen, sich so wenig wie m\u00f6glich darum zu k\u00fcmmern, was \u00fcber sie geredet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Essays-zur-Literatur-9.-Mieze-Medusa-Ich-wollte-Hosen-von-Lara-Cardella.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mieze Medusa und\u00a0Lara Cardellas \u201eIch wollte Hosen\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &nbsp; Vom Wollen von Hosen Die Welt ist gro\u00df. In ihr gibt es sehr viele B\u00fccher. Deshalb sind wir angewiesen auf Empfehlungen und Geschenke. Wir sind darauf angewiesen, dass Menschen uns ihre Lekt\u00fcren ans Herz legen. Lara Cardella war so ein Geschenk. Es wurde mir von meiner Mama [&hellip;]","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":428,"menu_order":9,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2169","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2169"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2171,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2169\/revisions\/2171"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/428"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}