﻿{"id":444,"date":"2023-06-30T11:12:33","date_gmt":"2023-06-30T09:12:33","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-2\/"},"modified":"2023-10-27T16:19:59","modified_gmt":"2023-10-27T14:19:59","slug":"essays-zur-literatur-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-2\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #2"},"content":{"rendered":"<h4>Stefan Slupetzky und Umberto Ecos \u201eDer Name der Rose\u201c<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1. Wie man sich mit einem Buch verirrt<\/p>\n<p>Fast vierzig Jahre ist es her, dass mich eine Verliebtheit in den Nachtzug nach Bologna steigen lie\u00df. Ich sage absichtlich Verliebtheit und nicht Liebe, denn zur Liebe zwischen Elena (so hie\u00df die junge Kunststudentin, der meine Verliebtheit galt) und mir sollte es niemals kommen. Daran ist Umberto Eco schuld.<\/p>\n<p>Ein Freund hatte mir den neu erschienenen Roman \u201eDer Name der Rose\u201c geliehen, um mir die lange Zugfahrt zu verk\u00fcrzen (dass er sie mit seiner Leihgabe verl\u00e4ngern w\u00fcrde, konnte er nicht wissen), und noch vor der Grenze war ich so versunken in das Buch, dass ich auf meinem Sitzplatz blieb, statt mich zum Schlafen in den Liegewagen zu begeben. Manchmal zweifle ich daran, dass ich tats\u00e4chlich noch im Zug sa\u00df, denn mein Geist streifte mit dem jungen Adson von Melk und dem humorvoll-weisen William von Baskerville durch d\u00fcstere mittelalterliche Labyrinthe, um den M\u00f6rder eines Klosterbruders aufzusp\u00fcren. Ich muss gestehen, dass mich der reine Kriminalfall damals weit mehr interessierte als die philosophischen, historischen und theologischen Passagen des Romans, was aber auch den Vorteil hatte, dass ich Ecos Buch in sp\u00e4teren Jahren noch einmal f\u00fcr mich entdecken konnte. Aber dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Nicht nur die gespenstische, be\u00e4ngstigende Stimmung und die eindringlich gezeichneten Figuren zogen mich in ihren Bann, ich fieberte auch mit dem jungen Adson mit, den eine n\u00e4chtliche Begegnung mit einer namenlosen jungen Frau in tiefen Liebeskummer st\u00fcrzt. Und William von Baskerville gewann mit seinem Scharfsinn und mit seiner feinen Ironie mein Herz.<\/p>\n<p>Es war schon kurz nach f\u00fcnf Uhr morgens, als der Nachtzug in Bologna einfuhr. Ich aber befand mich hundert Kilometer weiter westlich, in einer Gebirgsabtei im Apennin. Mit anderen Worten: Ich war hundert Kilometer weit von Elena entfernt. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein M\u00e4dchen f\u00fcr ein Buch vergessen.<\/p>\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter war das Kloster abgebrannt, und William von Baskerville hatte den Fall gel\u00f6st. Durchdrungen von den Bildern meiner n\u00e4chtlichen Lekt\u00fcre stieg ich aus dem Zug.<\/p>\n<p>So lernte ich Florenz kennen. Und nach drei Tagen, die ich im Palazzo Vecchio, in den Uffizien und in Santa Maria del Fiore zugebracht hatte, trug ich mich tats\u00e4chlich mit dem Gedanken, weiter nach Ligurien zu reisen, um \u2013 einen nicht allzu gro\u00dfen Zeitsprung von der Renaissance ins sp\u00e4te Mittelalter wagend \u2013 nach dem Schauplatz von Ecos Roman zu suchen. Eine R\u00fcckfahrt nach Bologna h\u00e4tte nichts gebracht, weil Elena nach drei Tagen wohl nicht mehr in der Bahnhofshalle auf mich wartete, und weil die segensreiche Zeit der Handys 1983 noch nicht angebrochen war.<\/p>\n<p>Ich unterlie\u00df die Weiterreise nach Nordwesten schlie\u00dflich doch und fuhr nach Wien zur\u00fcck. Was insofern ein Gl\u00fcck war, als das von Umberto Eco zwischen Lerici und La Turbie verortete Benediktinerkloster niemals wirklich existiert hat. Mich also in bruchst\u00fcckhaftem Italienisch bei den Einheimischen danach zu erkundigen, h\u00e4tte mir nur Achselzucken und verst\u00e4ndnislose Blicke eingetragen.<\/p>\n<p>2. Wie man sich mit einem Buch blamiert<\/p>\n<p>Dass der als r\u00fcckblickender Bericht des greisen Adson ausgegebene Text und damit auch der Schauplatz des Romans reine Fiktion sind, war mir also damals in Italien nicht bewusst. Ich sollte mich mit diesem meinem Unwissen aber erst Jahre sp\u00e4ter auseinandersetzen m\u00fcssen, und der Grund daf\u00fcr war eine weitere Verliebtheit.<\/p>\n<p>Ich hatte mein Studium beendet und als Kunstlehrer an einer Wiener Schule angeheuert. In den ersten Tagen fiel mir eine junge Frau im Lehrerzimmer auf \u2013 wir wollen sie Frau Magistra M\u00fcller nennen \u2013, weil sie nicht nur ausgesprochen h\u00fcbsch war, sondern auch humorvoll, klug und sehr gebildet. Mehr noch: Ihre feinen, leicht ironischen Bemerkungen erinnerten mich an Umberto Ecos Helden William von Baskerville, und als ich mich nach Wochen sch\u00fcchterner Zur\u00fcckhaltung dazu ermannte, sie auf diesen Umstand anzusprechen, reagierte sie nicht nur mit einem halb geschmeichelten, halb am\u00fcsierten Lachen, sondern auch mit der Bereitschaft, sich von mir in ein nahegelegenes Kaffeehaus einladen zu lassen, um \u00fcber das Buch zu plaudern.<\/p>\n<p>Daran, dass meine Verliebtheit auch bei Frau Magistra M\u00fcller nicht zur Liebe reifte, trug Umberto Eco diesmal nicht die Schuld. Es war es mein eigener Fehler, denn mein Unverm\u00f6gen, den Roman in all seinen Facetten, seinem intellektuellen Tiefgang und seinen historischen Zusammenh\u00e4ngen zu begreifen, konnte Frau Magistra M\u00fcller (ihre F\u00e4cher waren Geschichte und Philosophie) nat\u00fcrlich nicht verborgen bleiben. Eine halbe Stunde am Kaffeehaustisch, und ich war als Ignorant entlarvt. Wenn \u201eDer Name der Rose\u201c ein Fundus der geistigen Perlen war, dann wirkte ich wohl wie die sprichw\u00f6rtliche Sau, vor die man sie geworfen hatte. Frau Magistra M\u00fcller sprach mit mir im selben Tonfall wie mit ihren Sch\u00fclern, und falls sie mich mochte, dann doch nur auf eine Art, wie sie auch ihre Sch\u00fcler mochte. Sie versuchte, mir die religi\u00f6sen und politischen Konflikte darzulegen, die das ausgehende Mittelalter pr\u00e4gten, und umriss den auch von Eco eindringlich thematisierten Glaubensstreit zwischen dem R\u00f6misch-deutschen Kaiser und dem Papst. \u201eEs war die dunkle Zeit der Denkverbote\u201c, sagte sie zum Schluss, \u201ewobei sich das Verderben solcher Denkverbote erst ermessen l\u00e4sst, wenn man einmal zu denken angefangen hat.\u201c Sie schenkte mir ein vielsagendes L\u00e4cheln, dankte mir f\u00fcr den Kaffee und ging.<\/p>\n<p>Am selben Abend noch nahm ich das Buch aus dem Regal (sch\u00e4ndlicherweise hatte ich es meinem Freund in all den Jahren nicht zur\u00fcckgegeben) und begann, es noch einmal zu lesen. Es f\u00fchlte sich an wie eine v\u00f6llig neue, nie gelesene Lekt\u00fcre. Nicht die Kriminalgeschichte war es diesmal, die mich fesselte, sondern die Hintergr\u00fcnde, nicht die Handlung, sondern die Kulisse: die von Unverstand, Intoleranz und Machthunger vergiftete, beklemmend restriktive Atmosph\u00e4re, die der mittelalterliche Klerus schuf, bewahrte und verbreitete, die Grausamkeit, mit der er gegen so genannte Ketzer vorging und die Radikalit\u00e4t, mit der er sich gegen die Geistesbildung seiner Untertanen stemmte.<\/p>\n<p>Letztlich war die Lehrstunde bei Frau Magistra M\u00fcller doch keine verlorene Liebesm\u00fch gewesen: Ich hatte zu denken angefangen. Daf\u00fcr danke ich ihr heute noch von Herzen.<\/p>\n<p>3. Wie ein Buch die Zeit relativiert<\/p>\n<p>Das Gl\u00fcck, seit einer halben Ewigkeit mit einer wunderbaren Frau verheiratet zu sein, konnte Umberto Eco mir nicht nehmen (vielleicht hat er ja nur auf die Richtige f\u00fcr mich gewartet). Mittlerweile kenne ich auch viele seiner anderen B\u00fccher, beispielsweise die berauschend kluge und humorvolle Kolumnensammlung \u201eWie man mit einem Lachs verreist\u201c, aber erst unl\u00e4ngst habe ich begonnen, \u201eDer Name der Rose\u201c zum dritten Mal zu lesen. Und zum dritten Mal entfaltet sich dieser Roman in einem neuen Licht. Diesmal im Licht einer be\u00e4ngstigenden Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Umberto Eco ist vor neun Jahren gestorben, und er hat das das Buch vor mehr als vierzig Jahren geschrieben. Es spielt siebenhundert Jahre vor unserer Zeit, in einer \u00c4ra der Inquisition, der Folter und des Aberglaubens, einer \u00c4ra des zigtausendfachen Mordes an Missliebigen und Andersdenkenden, kurz: in einem archaischen Entwicklungsstadium unserer Gesellschaft, auf das wir bisweilen mit verst\u00e4ndnislosem Kopfsch\u00fctteln zur\u00fcckblicken.<\/p>\n<p>Bei Eco spitzt sich die Geschichte auf ein Buch zu, das der blinde Jorge, seines Zeichens Bibliothekar des Klosters, h\u00fctet wie der Zerberus das Tor zur H\u00f6lle: Aristoteles&#8216; \u201eZweites Buch der Poetik\u201c, in dem sich der gro\u00dfe Philosoph mit der Kom\u00f6die besch\u00e4ftigt. Ein nach Jorges Ansicht hochgef\u00e4hrliches, der Lebensfreude und dem Lachen Vorschub leistendes und damit die Autorit\u00e4t der Kirche untergrabendes antikes Werk, das er lieber vernichten w\u00fcrde, als es anderen Menschen zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p>In den 1980ern, als ich nach Bologna fuhr, um in Florenz zu landen, war so eine Geisteshaltung zwar nicht unvorstellbar, aber keinesfalls gesellschaftsf\u00e4hig. Den Auftakt zur Trag\u00f6die der Nazizeit mit ihren Folterkammern, ihrem Terrorapparat und ihren Millionen Toten hatten schlie\u00dflich auch B\u00fccherverbote und -verbrennungen gebildet, und die Lehren, die daraus zu ziehen waren, lagen auf der Hand. In allen westlichen Demokratien herrschte Einigkeit dar\u00fcber, dass faschistisches und autoritaristisches Gedankengut die Welt nie wieder in den Abgrund rei\u00dfen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Wenn man sich nun aber manche der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ansieht, die seit damals ihren Lauf genommen haben, scheint die von Umberto Eco eindringlich beschriebene Intoleranz und Ignoranz des Mittelalters l\u00e4ngst nicht \u00fcberwunden. Einerseits greift eine \u00fcberbordende moralisierende Zensurkultur im \u2013 nicht nur legitimen, sondern mehr als w\u00fcnschenswerten \u2013 Ringen um soziale Gleichbehandlung um sich, andererseits wird heute eine zunehmende Zahl an Staaten \u2013 auch Demokratien \u2013 von Autokraten und Reaktion\u00e4ren regiert. Vom Volk gew\u00e4hlt, sind es oft Geister, die man nicht mehr loswird: In den USA, der \u00e4ltesten Demokratie der Neuzeit, st\u00fcrmten Anh\u00e4nger des abgew\u00e4hlten Donald Trump im J\u00e4nner 2021 den Kongress, zwei Jahre sp\u00e4ter starteten Bewunderer des abgew\u00e4hlten Jair Bolsonaro in Brasilien einen \u00e4hnlichen Umsturzversuch. Europa hinkt wie immer ein paar Jahre hinterher, tritt aber in die gleichen Fu\u00dfstapfen: Mit den Regierungen Italiens, Ungarns, Polens und Schwedens pendelt es sich irgendwo zwischen Faschismus und Rechtspopulismus ein.<\/p>\n<p>Zum Abschluss noch einmal die USA: In ihren von Republikanern dominierten Bundesstaaten wurden seit 2021 fast dreitausend B\u00fccher verboten, die sich mit Rassismus, Sklaverei oder sexueller Orientierung auseinandersetzen; alle diese Werke wurden auf Anordnung der Landesparlamente aus den Schulbibliotheken und den \u00f6ffentlichen B\u00fcchereien entfernt. Ob \u201eDer Name der Rose\u201c auch zu den verbotenen B\u00fcchern z\u00e4hlt? Es w\u00e4re m\u00f6glich. Denn von einem blinden, halsstarrigen M\u00f6nch zu einem fr\u00f6mmlerischen, populistischen Senator scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein. Die Wahrheit ist f\u00fcr beide mehr als unbequem, selbst wenn sie aus dem Mund des Franziskanerpaters William von Baskerville stammt:<\/p>\n<p>\u201eGott will, dass wir unsere Vernunft gebrauchen, um viele dunkle Fragen zu l\u00f6sen, deren L\u00f6sung uns die Heilige Schrift freigestellt hat. Und wenn uns jemand eine Meinung vortr\u00e4gt, sollen wir pr\u00fcfen, ob sie akzeptabel ist, bevor wir sie \u00fcbernehmen, denn unsere Vernunft ist von Gott geschaffen, und was ihr gef\u00e4llt, kann Gottes Vernunft schlechterdings nicht missfallen.\u201c<\/p>\n<p>Stefan Slupetzky<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stefan Slupetzky wurde 1962 in Wien geboren. Seit 1991 arbeitet er ebendort als freischaffender Autor wie Illustrator und seit 2005 dramatisiert er Romane und Novellen \u00f6sterreichischer Klassiker f\u00fcr die Festspiele Reichenau. 2005 wurde er f\u00fcr seinen Roman \u201eDer Fall des Lemming\u201c mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Von 2006 bis 2009 betreute er auf Radio Wien die literarische Ecke von Willi Resetarits\u2018 sonnt\u00e4glicher Radiosendung \u201eTrost und Rat\u201c. Neben regelm\u00e4\u00dfigen Autorenlesungen ist Stefan Slupetzky auch als Texter und S\u00e4nger der Wienerliedcombo Trio Lepschi aktiv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/essays_zur_literatur_2._stefan_slupetzky._der_name_der_rose.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stefan Slupetzky und Umberto Ecos \u201eDer Name der Rose\u201c &nbsp; 1. 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