﻿{"id":455,"date":"2023-06-30T11:23:41","date_gmt":"2023-06-30T09:23:41","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-4\/"},"modified":"2023-10-27T16:22:23","modified_gmt":"2023-10-27T14:22:23","slug":"essays-zur-literatur-4","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-4\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #4"},"content":{"rendered":"<h4>Daniel Wisser und Italo Svevos \u201eZenos Gewissen\u201c<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich \u00e4rgere mich jedes Mal dar\u00fcber, wenn Literaturkritiker eine Hauptfigur, die unentschlossen ist und Fehlern und Missverst\u00e4ndnissen nicht entschieden entgegentritt, als Antihelden oder R\u00fcckzugs-Helden bezeichnen. Ich kenne wenige Helden und keinen einzigen pers\u00f6nlich. Die Welt ist also voller Antihelden und die realistische Literatur muss sie daher zwingenderweise zu Hauptfiguren machen.<\/p>\n<p>Es ist ein Gl\u00fcck, dass ich Italo Svevo erst in den letzten Jahren f\u00fcr mich entdeckt habe. So konnte er meine bisherigen Romane nicht beeinflussen. Denn es gibt neben dem schon erw\u00e4hnten Antiheldentum seiner und meiner Hauptfiguren eine weitere \u00dcbereinstimmung zwischen ihnen: Sie kommen aus dem Angestelltenmilieu.<\/p>\n<p>Umso euphorischer las ich Svevos drei Romane. Schon \u201eEin Leben\u201c (Una Vita) hat mich tief beeindruckt. Die tiefe Verstrickung von Arbeitswelt und der Unsicherheit, die der jugendliche Erwachsene angesichts einer kapitalistisch organisierten Liebeswelt gegen\u00fcbersteht, ist ein Ph\u00e4nomen, das in wahrhaftiger Weise zu beschreiben wenige Autoren gewagt haben. Nach zwei Romanen gab Italo Svevo das Schreiben allerdings f\u00fcr fast zwanzig Jahre auf, weil er die bestenfalls lauwarme Reaktion der wenigen italienischen Rezensenten nicht ertragen konnte. Sein Englischlehrer James Joyce hat sp\u00e4ter in ihm einen verkannten Schriftsteller entdeckt. Und so erschien 1923 Svevos Meisterwerk \u201eZenos Gewissen\u201c. (Schon die durch im italienischen Titel \u201eLa coscienza di Zeno\u201c angelegte Doppelbedeutung ist nicht ins Deutsche \u00fcbersetzbar.)<\/p>\n<p>\u201eZenos Gewissen\u201c ist mit einer Leichtigkeit erz\u00e4hlt, die es in der deutschsprachigen Literatur kaum gibt, die aber deshalb die Erz\u00e4hlung nicht seicht macht. Ganz im Gegenteil. In diesem St\u00fcck Weltliteratur geht um etwas Gro\u00dfes, etwas Bedeutendes, das alle Menschen r\u00fchren muss: dass n\u00e4mlich eine Fehlentscheidung im Leben nicht korrigiert wird, sondern dass man mit diesem Fehler zurechtkommt und ihn sogar als sch\u00f6n oder richtig oder notwendig betrachten kann. In einer Art Antithese zur Therapiebesessenheit und Selbstfindungswut der Psychoanalyse, stoppt der Held Zeno Cosini den Therapieprozess und lebt sein Leben.<\/p>\n<p>Im Haus der Unternehmers Malfenti gibt es vier T\u00f6chter, die eines gemeinsam haben: Ihre Vornamen beginnen alle mit A. Die j\u00fcngste von ihnen ist ein Kind. Die anderen drei sind junge Damen und Zeno beschlie\u00dft, sich zu verlieben. Daf\u00fcr kommen Ada und Alberta infrage, die ihn jedoch beide anlehnen. Im Rahmen einer S\u00e9ance landet Zenos Liebesgest\u00e4ndnis aus Versehen bei Augusta, die schon lange in Zeno verliebt ist. Sie wird, die h\u00e4sslichste der drei Frauen seine Gattin und er versucht mit ihr gl\u00fccklich zu werden, unterh\u00e4lt sp\u00e4ter doch eine Geliebte, macht sich deswegen Vorw\u00fcrfe, wird von der Geliebten wieder verlassen, was ihn doch kr\u00e4nkt usw. usf.<\/p>\n<p>Man sieht an dem Versuch der Inhaltsangabe, dass dieser Roman die Aussicht auf eine Kurzdarstellung d\u00fcpiert. Zu klug und in Wahrheit sehr modern ist seine Konstruktion, die sich der Typologisierung entzieht. Einerseits ist \u201eZenos Gewissen\u201c ein Schelmenroman, wof\u00fcr die autobiographische Form (also die Ich-Erz\u00e4hlung), die Unverl\u00e4sslichkeit des Erz\u00e4hlers und die am Beginn des Romans zentrale Vatergeschichte sprechen. Andererseits ist das Buch auch ein Entwicklungsroman, der aber die althergebrachten Wege der positiven und der negativen Entwicklung bewusst nicht einschl\u00e4gt. In einer grandiosen Absage an die Psychoanalyse, mit der der Roman er\u00f6ffnet, stellt Zeno klar, dass er unheilbar gesund ist. Die gesamte Autobiografie (so das Vorwort eines fiktiven Psychoanalytikers) wird vom Therapeuten Doktor S. aus Rache an seinem Patienten Zeno ver\u00f6ffentlicht. Damit unterl\u00e4uft Svevo auch die traditionelle Erz\u00e4hlweise und macht das assoziative Denken und seine Wiedergabe wie in einer Therapiesitzung zum Stil des Romans. Viele zeitgen\u00f6ssische Kritiker verstanden das nicht und hielten die Erz\u00e4hlweise f\u00fcr zu umst\u00e4ndlich und weitschweifig. Erst als Joyce Svevo franz\u00f6sischen Kritikern empfahl, wurde sein Werk richtig eingesch\u00e4tzt und bewertet.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass Svevos Lakonie und seine Weigerung, die Entt\u00e4uschungen und Irrt\u00fcmer in diesem Leben als tragisch darzustellen, bei den Leserinnen und Lesern das Lachen bef\u00f6rdert. Es ist ein Lachen, das nicht das Auslachen anderer ist, sondern die edelste Form des Lachens: das stille und ehrliche Eingest\u00e4ndnis, dass unser Leben l\u00e4cherlich ist. Das macht \u201eZenos Gewissen\u201c bis heute bedeutsam. Und es ist kein Zufall, dass Wilhelm Genazino f\u00fcr die deutsche Taschenbuchausgabe von \u201eZenos Gewissen\u201c ein ausf\u00fchrliches Nachwort geschrieben hat.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Literatur muss zwei Bedingungen erf\u00fcllen: Sie muss in ihrer Zeit die herk\u00f6mmlichen Formen transzendieren und zu einer neuen und zwingenden Form finden. Und sie muss in einer Art Zeitkapsel die Darstellung ihrer Zeit f\u00fcr sp\u00e4tere Zeiten erhalten und zug\u00e4nglich machen. Diese Voraussetzungen sind bei Italo Svevo eingel\u00f6st. Die bl\u00fchende Kultur- und Unternehmenswelt, die Triest im Fin de Si\u00e8cle beherrschte und die durch Krieg, den Untergang der Donaumonarchie und den Faschismus ihren Niedergang fand, kannte bereits die Aporien der Angestelltenwelt, die Abenteuerlosigkeit der Mittelschicht und den Liebesverlust des Wohlstands. Italo Svevo hat sie in \u201eZenos Gewissen\u201c f\u00fcr uns auf einmalige Weise festgehalten.<\/p>\n<p>Daniel Wisser<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daniel Wisser studierte Germanistik an der Universit\u00e4t Wien. Seit 1990 verfasst er Prosa, Lyrik und radiophone Werke. F\u00fcr seinen Roman \u201eK\u00f6nigin der Berge\u201c wurde er mit dem \u00d6sterreichischen Buchpreis 2018 ausgezeichnet. Seit 2017 schreibt er Artikel zu aktuellen politischen Entwicklungen, die 2022 in dem Band \u201eTausend kleine Traurigkeiten\u201c erschienen. Ebenfalls 2022 erschien das Buch \u201eDie erfundene Frau\u201c, ein Konzeptband aus zweiundzwanzig Erz\u00e4hlungen. Als Musiker ist Daniel Wisser seit 1994 Mitglied der Band \u201eErstes Wiener Heimorgelorchester\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/essays_zur_literatur_4._daniel_wisser._zenos_gewissen_von_italo_svevo.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Daniel Wisser und Italo Svevos \u201eZenos Gewissen\u201c &nbsp; Ich \u00e4rgere mich jedes Mal dar\u00fcber, wenn Literaturkritiker eine Hauptfigur, die unentschlossen ist und Fehlern und Missverst\u00e4ndnissen nicht entschieden entgegentritt, als Antihelden oder R\u00fcckzugs-Helden bezeichnen. Ich kenne wenige Helden und keinen einzigen pers\u00f6nlich. Die Welt ist also voller Antihelden und die realistische Literatur muss sie daher zwingenderweise [&hellip;]","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":428,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-455","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=455"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2178,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/455\/revisions\/2178"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/428"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}