﻿{"id":462,"date":"2023-06-30T11:35:53","date_gmt":"2023-06-30T09:35:53","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-5\/"},"modified":"2023-10-27T16:23:29","modified_gmt":"2023-10-27T14:23:29","slug":"essays-zur-literatur-5","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-5\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #5"},"content":{"rendered":"<h4>Jaqueline Scheiber und Giulia Caminitos \u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df\u201c<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Buch geriet mir in die H\u00e4nde, als ich vor meinem bevorstehenden Wanderurlaub in den \u00f6sterreichischen Alpen durch die Regale meiner Lieblingsb\u00fccherei streifte. Ich bin eine w\u00e4hlerische Leserin, sodass es mit der Buchh\u00e4ndlerin meines Vertrauens zu einer liebevollen Gewohnheit wurde, mehrere Runden durch den Laden zu drehen, bis ein Buch auf eine Fl\u00e4che meines Interesses trifft. \u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df\u201c wird mir mit Nachdruck empfohlen. Als ich inmitten kantiger Felsbrocken und sattgr\u00fcnen T\u00e4lern, gew\u00e4rmt von der Herbstsonne, die ersten Seiten aufschlage, \u00f6ffnet sich ein Sog. Ich ahne nicht, wie nah die erz\u00e4hlte Handlung an meiner eigenen liegt, wie eng verwoben das beschriebene Milieu mit meiner pers\u00f6nlichen Herkunftsgeschichte ist und dass die folgende Reise durch diesen Roman mich nicht in der Rolle der erhabenen Beobachterin l\u00e4sst, sondern mich dazu auffordert, meine eigenen Erinnerungen an die Oberfl\u00e4che zu holen und mich mit ihnen zu verbinden. Und wom\u00f6glich dadurch eine Form der Vers\u00f6hnung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Giulia Caminito erz\u00e4hlt die Geschichte einer Familie im italienischen Prekariat in einem Vorort Roms und skizziert dadurch pr\u00e4zise und detailreich das Umfeld der Familie in der Chancenlosigkeit, die sich allen Witterungen zu Trotz nicht davon abhalten l\u00e4sst, die Perspektive offen zu halten und die Arme nach dem \u201ebesseren\u201c Leben zu strecken. W\u00e4hrend ich mich der Geschichte ann\u00e4here, w\u00e4chst eine Enge und Beklemmung in mir, die Caminito wider meiner Erwartung nicht bereit ist aufzul\u00f6sen. Im Gegenteil, sie l\u00e4sst das Ungl\u00fcck und den Schmerz der Arbeiter*innenklasse Italiens entfalten, sie weist sie in ihre Schranken, sie gew\u00e4hrt der Verzweiflung Raum und zeigt die naive Hoffnung, mit der Antonia, die Mutter der Erz\u00e4hlerin, agiert. So gerate ich als Leserin in Kontakt mit fensterlosen, feuchten, beengten Wohnverh\u00e4ltnissen, ich besuche mit Antonia \u00c4mter und sehe durch ihre Augen die Papierstapel, an die auch mein Name, meine Hoffnung und in letzter Konsequenz meine Existenz geheftet sind. Ich h\u00f6re den L\u00e4rmpegel des Alltags, der sich in der Einzimmerwohnung mit vier Kindern, davon zwei Neugeborenen Zwillingen und zwei Erwachsenen zutr\u00e4gt und beinahe habe ich den Geruch einer von Schimmel durchzogenen Wohnung und der vernachl\u00e4ssigten Gegend am Rande der Stadt in der Nase. Im Zuge der ersten Kapitel erleidet der Vater von Gaia, der Erz\u00e4hlstimme, einen Arbeitsunfall bei der Schwarzarbeit und ist daraufhin querschnittsgel\u00e4hmt.<\/p>\n<p>\u201eIm Sommer sterbe ich ein bisschen. Es war Mai, als mein Vater in der Mitte entzweibrach, er st\u00fcrzte von einem Bauger\u00fcst. Es war Mai und mein Vater lag r\u00fccklings auf dem Boden wie ein K\u00e4fer, er bewegte seine Beine ein letztes Mal. Als ein Freund meines Vaters Bescheid gesagt hatte, warteten wir zu f\u00fcnft an der Haltestelle auf den Bus zum Krankenhaus, der nicht kam. Wir warteten<br \/>\nund warteten. W\u00e4hrend Mamma auf und ab lief und uns nicht zu sehen schien. Ihre Gedanken wirbelten und flatterten, sie waren Leinent\u00fccher im Wind.\u201c<\/p>\n<p>Die Kreise werden enger, bevor sie sich weiten k\u00f6nnen. Caminito l\u00e4sst dadurch gleicherma\u00dfen unbarmherzig wie real das Ungl\u00fcck einer Familie unaufhaltsam wachsen, die ohnehin schon gebeutelt ist. Antonia als Figur der Mutter und in weiterer Konsequenz der tragenden Rolle, trifft Entscheidungen und wird dadurch zu einer Instanz, die die R\u00e4nder der Erz\u00e4hlung markiert. Stets nur einen ausgestreckten Arm entfernt von dem, was Besserung verspricht; ein Umzug, eine Arbeitsstelle, eine neue Schule f\u00fcr die Kinder, eine Umgebung, ein Kontakt, ein Protest. Antonia vereint in sich die fleischgewordene Charakterisierung einer jungen Frau, die sich selbst nicht mehr als Person begreift, sondern viel mehr als Grundlage der Verantwortung zum Wohle der Familie. Ich kenne diese Art von Frau sehr gut, denn Antonia gleicht in einem erschreckenden Ausma\u00df der Erinnerung an meine junge Mutter in den Anf\u00e4ngen ihrer Zwanziger. Statt vier Kindern, musste sie nur mich versorgen, wenngleich das mit ausreichend H\u00fcrden und R\u00fcckschl\u00e4gen verbunden war. Ich erkenne die tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter, sp\u00fcre die Bewunderung und erleide gleichzeitig den ebenselben Trennungsschmerz, in der zwingend notwendigen Abnabelung einer so engen Beziehung. Caminito gelingt es dabei die Figur der Mutter in ihrer Vielschichtigkeit zu pr\u00e4sentieren, sie zeigt gezwungenerma\u00dfen ihre H\u00e4rte in Situationen, in denen sie die Steuerung behalten muss und erlaubt der Figur Liebe und weiche Z\u00fcge, wenn sie mit einer warmherzigen und entschlossenen Geste f\u00fcr die Familie einsteht. \u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df\u201c l\u00e4sst einen Bildungsroman vermuten, der den \u00dcbergang in eine andere Schicht durch harte Arbeit und Zugang zur Hochschulbildung erm\u00f6glicht. Doch das bleibt ein Trugschluss. Denn selbst als Gaia die M\u00f6glichkeit erh\u00e4lt, durch einen Hochschulabschluss sich von dem Arbeiter*innenmilieu zu entfernen, gelingt ihr das Ankommen im Bildungsb\u00fcrgertum nicht. Ihre Art Konflikte zu l\u00f6sen oder ihre Emotionen (nicht) zu zeigen, enttarnen sie und bilden eine unzerst\u00f6rbare Verbindung zu ihrem Ursprung.<\/p>\n<p>In \u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df\u201c erlaubt Giulia Caminito der Hauptprotagonistin Wut, Gewalt und Zerst\u00f6rungswille. Seltene Eigenschaften f\u00fcr Frauen in der Literatur. Noch seltener, dass sie dadurch nicht zur B\u00f6sewichtin erkl\u00e4rt werden. Sie erm\u00f6glicht der Figur, einer heranwachsenden Frau der Gegenwart, die einzig m\u00f6gliche Antwort auf die einwirkenden Einfl\u00fcsse aller Himmelsrichtungen: \u00c4rger. Gaia erm\u00e4chtigt sich ihrem Schicksal nicht etwa durch die Chance auf einen Schichtwechsel, oder das Ergreifen ihrer Talente, sie erm\u00e4chtigt sich ihrem Schicksal, in dem sie die Gewalt, die ihr durch ihr Umfeld angetan wird, spiegelt. Sei es in eine wachsende Kriminalit\u00e4t oder den ungesch\u00f6nten und n\u00fcchternen Blick, mit dem sie den vermeintlichen Wundern des Lebens begegnet. Beinahe unbeeindruckt und gleichsam leidenschaftlich setzt die Erz\u00e4hlstimme mich als Leserin in das Zentrum einer Fahrkabine, in der die Jahre, Bilder und Ausw\u00fcchse ihrer, nur an mir vorbeiziehen. Gesehen, aber unkommentiert.<\/p>\n<p>Es ist schlie\u00dflich ein Sozialroman, der unverf\u00e4lscht diagnostiziert und dabei dem Kitsch entkommt. Caminito erkl\u00e4rt nicht oder kommentiert, wie es viele andere Romane dieser Art tun m\u00fcssen, um den Umstand dieses unfreiwilligen Lebens zu bewerten. Mit \u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df\u201c gelingt ihr ein bis in die Nebenfiguren glaubw\u00fcrdiges, weil erz\u00e4hlendes Buch, das von einer gesellschaftlichen L\u00fcge wei\u00df, an die wir alle glauben: Mit guter Bildung er\u00f6ffnet sich ein Potpourri an M\u00f6glichkeiten. Eine M\u00f6glichkeit ist allerdings noch lange keine Wahrheit.<\/p>\n<p>\u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df. Man sagt nur, es sei S\u00fc\u00dfwasser, aber das ist eine L\u00fcge. Das Wasser schmeckt nach Benzin. Wenn man ein Feuerzeug daranhielte, ginge es in Flammen auf.\u201c<\/p>\n<p>Als Autorin bleibt vor allem die Geschwindigkeit der Erz\u00e4hlung und der Scharfsinn f\u00fcr die richtige Menge an Beschreibung nach dem Lesen in mir \u00fcbrig. Caminito sagt an keiner Stelle zu viel oder zu wenig. Es wirkt unangestrengt, nat\u00fcrlich, es wirkt, als w\u00e4re dieses Buch in einem Atemzug entstanden, so, wie es ohne Weiteres in einem Atemzug gelesen werden kann.<\/p>\n<p>Als Arbeiter*innenkind bleibt die W\u00e4rme, die sich zwischen vermeintlich harte Gesten schiebt und mich dadurch an etwas erinnert, was ich zu lange abzustreifen versuchte. Es bleibt ein Nachgeschmack von Vers\u00f6hnung, der den Schauplatz einer dieser Geschichten, wie sie meine ist und wie sie die von Gaia zeigt, nicht zu einer Tragik verkommen l\u00e4sst, sondern zu einem Leben, das inmitten von uns existiert.<\/p>\n<p>Ein Roman, der auf jeder m\u00f6glichen Ebene veranschaulicht, was Sprache kann. Erz\u00e4hlen, Beschreiben, Mitnehmen, Ber\u00fchren, in die Enge dr\u00e4ngen und Freilassen.<\/p>\n<p>Jaqueline Scheiber<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jaqueline Scheiber lebt in Wien, ist Autorin und Sozialarbeiterin. Sie schreibt auf dem Instagram Account @minusgold, als Internetpersona die das (Mit)teilen und Beschreiben von privaten Gedanken mit einer breiten \u00d6ffentlichkeit m\u00f6glich macht. Dabei liegt das Augenmerk vor allem auf existentiellen Themen wie psychischer Gesundheit, Kunst und Kultur, Tod, Entwicklung und Selbstbildnis. Jaqueline Scheiber war sieben Jahre in der Praxis der Sozialen Arbeit t\u00e4tig. Dazu war sie an der Begr\u00fcndung und Organisation des Young Widow_ers Dinnerclub Wien beteiligt. Kerngebiete der Auseinandersetzung auf Social Media und in Texten sind der Diskurs (weiblicher) K\u00f6rpernormen, die Sichtbarkeit (junger) Trauer in der Gesellschaft, psychische Gesundheit und Erkrankung. Monatlich publiziert sie au\u00dferdem die Kolumne \u201cSprachgewitter\u201d beim BAM Magazin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/essays_zur_literatur_5._jaqueline_scheiber._das_wasser_des_sees_ist_niemals_s_von_giulia_caminito.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Jaqueline Scheiber und Giulia Caminitos \u201eDas Wasser des Sees ist niemals s\u00fc\u00df\u201c &nbsp; Dieses Buch geriet mir in die H\u00e4nde, als ich vor meinem bevorstehenden Wanderurlaub in den \u00f6sterreichischen Alpen durch die Regale meiner Lieblingsb\u00fccherei streifte. 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