﻿{"id":563,"date":"2023-09-08T09:50:47","date_gmt":"2023-09-08T07:50:47","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-7\/"},"modified":"2023-10-27T16:26:26","modified_gmt":"2023-10-27T14:26:26","slug":"essays-zur-literatur-7","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/de\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-7\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #7"},"content":{"rendered":"<h4>Tanja Paar und Antonio Scuratis &#8222;M. Der Sohn des Jahrhunderts&#8220;<\/h4>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eM. Der Sohn des Jahrhunderts\u201c ist ein Buch, das mein politisches Denken ver\u00e4ndert hat: Der italienische Autor Antonio Scurati schildert darin die Biografie von Benito Mussolini und zeigt den erschreckenden Aufstieg der Faschisten in Italien. Antonio Scurati studierte Philosophie in Mailand. Er promovierte mit einer Dissertation \u00fcber Texttheorie an der Universit\u00e4t Bergamo. 2008 wechselte er an die Libera Universit\u00e0 di Lingue e Comunicazione wieder zur\u00fcck nach Mailand und lehrt dort als Dozent f\u00fcr Kreatives Schreiben und Rhetorik.<\/p>\n<p>Das ist insofern relevant, als er mit seinem Roman eine v\u00f6llig ungew\u00f6hnliche Form w\u00e4hlt. Das Buch ist zwar als \u201eRoman\u201c tituliert, geht aber schriftstellerisch einen sehr eigenwilligen Weg: Autofiktionale Szenen wechseln sich mit originalen Zeitdokumenten, das hei\u00dft Briefen, Zeitungsartikeln oder Parlamentsreden ab. Das schafft einen sehr speziellen Effekt, der zwischen N\u00e4he und Distanz zum beschriebenen Stoff changiert. Werden auf der einen Seite die historischen Fakten n\u00fcchtern dargelegt, gibt es auf der anderen Seite \u201eautofiktionale\u201c Passagen, in denen geschildert wird, was Mussolini zum Beispiel mit seiner Geliebten Margherita Sarfatti erlebt oder bespricht, die ihn in seiner Anfangszeit sehr unterst\u00fctzte und in die sogenannten besseren Kreise einf\u00fchrte \u2013 also Szenen, \u00fcber die der Autor per se nicht Bescheid wissen kann, weil niemand au\u00dfer den beiden anwesend war.<\/p>\n<p>Das Wissen um diese Unm\u00f6glichkeit mindert aber nicht den Effekt, wir f\u00fchlen uns als LeserInnen dem Geschehen ganz nah und erfahren sozusagen intime Einblicke. Diese werden mit der betont n\u00fcchtern gehaltenen Einf\u00fcgung von Zeitdokumenten gegengeschnitten. Diese Form ist meines Wissens nach einmalig f\u00fcr einen \u201eRoman\u201c dieser Art und interessiert mich als Germanistin besonders. Sie f\u00fchrt auch dazu, dass M\u00e4nner, die bekannterma\u00dfen ja meist eher zum Sachbuch greifen als zum Roman, dieses Buch sehr gerne lesen. Mir wurde es zum Beispiel von einem Freund, dem Bildhauer Christoph Steinbrener von der K\u00fcnstlergruppe Steinbrener, Dempf und Huber empfohlen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df noch, dass er an einem hei\u00dfen Sommertag im Weinviertel das Buch den ganzen Tag nicht aus der Hand legte und begeistert davon erz\u00e4hlte. Was dazu f\u00fchrte, dass ich es an einem ebenso hei\u00dfen Sommertag am Meer nicht mehr aus der Hand legen wollte. In der Hardcoverausgabe ist dies allerdings schwierig, da das Buch \u00fcber 800 Seiten hat und 750 Gramm auf die Waage bringt. Es ist also wirklich schwer zu halten und gerade bei gro\u00dfer Hitze nicht besonders handlich. Deswegen w\u00fcrde ich, obwohl ich gedruckte B\u00fccher liebe, in diesem Fall gerade auf Reisen eine E-Book-Ausgabe empfehlen.<\/p>\n<p>Das Gesamtwerk \u00fcber Mussolinis Leben war von Scurati immer schon auf drei B\u00e4nde angelegt. \u201eM. Der Sohn des Jahrhunderts\u201c behandelt die fr\u00fchen Jahre 1919-1925. Es war f\u00fcr mich sehr spannend zu lesen, dass Mussolini als junger Mann Sozialist war und wie er sich in den Zeitl\u00e4uften ver\u00e4ndert hat. Obwohl die Faschisten in den Anf\u00e4ngen nur wenige tausend Mann umfassten, gelang es Mussolini mit medialem Geschick und Skrupellosigkeit, die in sich zerstrittene Linke nach und nach auszuschalten. Besonders ergreifend ist es zu lesen, wie die Schwarzhemden auch vor roher Gewalt nicht zur\u00fcckschreckten und so eine zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcbermacht \u00fcberrumpelten. Mussolini bediente sich dabei der orientierungslosen, teils verrohten Kriegsheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg. Anders als in Frankreich, wo jeder einzelne Soldat nach dem Krieg durch den Arc de Triomphe in Paris ziehen durfte, erwartete die M\u00e4nner in Italien nichts als Hunger und Elend. Weder wurden sie geehrt, noch gab es f\u00fcr die meisten Versehrten Kriegsrenten oder Unterst\u00fctzungen.<\/p>\n<p>Mussolini bediente sich geschickt dieser Verzweifelten, die immer \u00f6fter nicht Anh\u00e4nger der Linken, sondern der Faschisten wurden. Mussolini schreckte dabei auch nicht davor zur\u00fcck, bei Angriffen auf gro\u00dfe Demonstrationen der Internationale aus dem Hinterhalt auf Frauen und Unbewaffnete schie\u00dfen zu lassen. Scurati beschreibt eindringlich, wie zu seiner Skrupellosigkeit gro\u00dfes Geschick mit der Macht der Medien kam: Mussolini war selbst Journalist gewesen und erkannte schnell die Bedeutung einer eigenen Zeitung, die seine eigene politische Propaganda verbreitete, heute w\u00fcrden wir sagen: Fakenews.<\/p>\n<p>Auch das hat mich als ehemalige Journalistin, ich war viele Jahre Redakteurin bei der Tageszeitung Der Standard, davor bei Falter und Profil, sehr betroffen gemacht. Es zeigt einmal mehr, wie die gezielte Manipulation der Bev\u00f6lkerung gro\u00dfen Schaden anrichten kann und welche wichtige Funktion Qualit\u00e4tsmedien zukommt. Eine ausgewogene und gut recherchierte Berichterstattung ist gerade in Zeiten von Social Media, wo Inhalte von Einzelnen v\u00f6llig ungepr\u00fcft und geteilt werden, wichtiger denn je. Ich habe mich bei der Lekt\u00fcre gefragt, ob Mussolinis Aufstieg und Erfolg auch ebenso h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen, w\u00e4re er nicht ein derart geschickter Manipulator, Schreiber und Redner gewesen.<\/p>\n<p>Dazu kam das Versagen der b\u00fcrgerlichen Parteien und der v\u00f6llig zerstrittenen Linken ebenso wie des K\u00f6nigs, der zweimal die Unterschriften zu entscheidenden Dokumenten verweigerte und so den Weg f\u00fcr Mussolini ebnete.<\/p>\n<p>Als Schriftstellerin, die selbst einen Roman mit historischem Inhalt verfasst hat \u2013 \u201eDie zitternde Welt\u201c spielt im Osmanischen Reich von der Jahrhundertwende bis ins Jahr 1940 \u2013 hat mich besonders die genaue Recherche Scuratis beeindruckt. Obwohl er kein Historiker ist, verschafft er sich penibel einen \u00dcberblick zur Quellenlage, der enorme Faktenreichtum macht die Lekt\u00fcre nicht durchgehend zu einem Vergn\u00fcgen, da ja auch der Inhalt \u2013 der Aufstieg des Faschismus \u2013 bitter zu lesen ist.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hat Scurati also immer wieder die leichteren, autofiktionalen Passagen eingewebt, die ein lebendiges und teils erschreckendes Bild der damaligen Zeit malen. Das Versagen der staatlichen Institutionen, Mord und Totschlag teils ohne Konsequenzen auf offener Stra\u00dfe, marodierende Banden, die politische Gegner in deren H\u00e4usern aufsuchen und vor den Augen ihrer Kinder umbringen \u2013 diese Zust\u00e4nde sind heute in unserem Leben in Mitteleuropa zum Gl\u00fcck kaum mehr vorstellbar. Umso schmerzlicher ist es zu lesen, dass dies noch vor gerade einmal hundert Jahren m\u00f6glich war. Das Buch ist f\u00fcr mich also auch eine Warnung, wie d\u00fcnn der Lack der Zivilisation ist und wie schnell die Bestie im Menschen zum Vorschein kommen kann, wird sie erst einmal frei gelassen.<\/p>\n<p>Schilderungen, wie die Faschisten politische Gegner folterten, verspotteten und teils auf Autos gebunden \u00fcber die D\u00f6rfer fuhren, um sie der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben, sind bei der blo\u00dfen Lekt\u00fcre schwer auszuhalten. So wurde St\u00e4rke demonstriert und der Gegner demoralisiert \u2013 leider mit Erfolg. Durch das mangelnde Eingreifen der Polizei und anderer staatlicher Ordnungsorgane, die Unterwanderung der Justiz, dem ber\u00fchmten \u201eMarsch auf Rom\u201c 1922 gelangte Mussolini an die Macht. Das zu lesen machte mich bisweilen atemlos. Die Lekt\u00fcre ist also trotz der vielen unerfreulichen Fakten sehr spannend.<\/p>\n<p>Einziger Wermutstropfen: Teil eins behandelt nur die Jahre 1919-1925. Im italienischen Original ist der Roman 2020 herausgekommen, die deutsche \u00dcbersetzung erschien im renommierten Klett-Cotta Verlag. Die \u00dcbersetzung \u00fcbernahm Verena von Koskull. Obwohl ich flie\u00dfend Italienisch spreche, habe ich das Buch aufgrund der historischen Komplexit\u00e4t auf Deutsch gelesen, spannend w\u00e4re sicher eine Vergleichslekt\u00fcre in beiden Sprachen. Da das Buch so umfangreich ist, habe ich das bisher noch nicht geschafft, nehme es mir aber vor. Umso h\u00e4rter war es wegen der vorerst noch nicht erfolgten \u00dcbersetzung auch, auf den zweiten Teil zu warten. Dieser ist inzwischen in der deutschen Hardcoverausgabe ebenfalls bei Klett-Cotta erschienen.<\/p>\n<p>Antonio Scuratis \u201eM. Der Mann der Vorsehung\u201c, Teil zwei seiner Mussolini Biografie, ist h\u00e4rter noch als Teil Eins zu lesen und beschreibt die Jahre 1925 bis 1932. Behandelt wird Mussolinis Machtergreifung bis zur endg\u00fcltigen Ausschaltung des Parlaments \u2013 unter tatkr\u00e4ftiger Mithilfe des italienischen K\u00f6nigshauses. Die Rolle von Vittorio Emanuele III. ist dabei mehr als unr\u00fchmlich: an mehreren Stellen h\u00e4tte er den weiteren Aufstieg der Faschisten stoppen k\u00f6nnen, blieb jedoch unt\u00e4tig. Beeindruckend ist abermals die stilistische Form, die der Philosoph Scurati auch hier w\u00e4hlt: historische Dokumente, Parlamentsreden, Briefe, Zeitungsartikel wechselt er mit fiktionalen Passagen aus Sicht der Zeitgenossen ab. So wird eine N\u00e4he erzeugt, die der Leserin manchmal ob der geschilderten Gewalt fast zu viel wird. Aber: da muss Frau, da soll man durch! Ungemein lehrreich und be\u00e4ngstigend.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u201eM. Der Sohn des Jahrhunderts\u201c erhielt Scurati in Italien den renommierten Premio Strega. Das Buch wurde \u2013 zu Recht wie ich meine \u2013 in viele Sprachen \u00fcbersetzt und weltweit kontrovers diskutiert. Manche sto\u00dfen sich an der eigenwilligen Form, die eben nicht wie ein Sachbuch funktioniert, aber auch kein klassischer Roman ist. Darin liegt meiner Meinung nach aber die gro\u00dfe St\u00e4rke dieses gewagten Projektes \u00fcber Mussolini: Es erschlie\u00dft sich einer sehr diversen Leserschaft, Sachbuch \u2013 wie RomanleserInnen kommen auf ihre Kosten. Eine unbedingte Empfehlung! Ich freue mich schon sehr auf Teil drei.<\/p>\n<p>Tanja Paar<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tanja Paar wurde in Graz geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie und arbeitete u. a. am Theater, f\u00fcr diverse Publikationen, als Journalistin und Moderatorin. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin in Wien. Ob an den R\u00e4ndern der Kontinente, zu Zeiten gro\u00dfer politischer Umbr\u00fcche oder in den nur scheinbar kleinen Dramen des Alltags: Die Figuren in Tanja Paars Romanen stehen vor inneren und \u00e4u\u00dferen Grenzen \u2013 und vor der Frage, wie sie sich \u00fcberwinden lassen. 2018 erschien ihr Deb\u00fctroman \u201eDie Unversehrten\u201c, 2020 folgte \u201cDie zitternde Welt\u201d. 2021 erhielt sie den deutschen Robert Gernhardt-Preis f\u00fcr ihren Roman \u201eDer Ziegenzirkus\u201c. 2023 wurde sie von der Stadt Wien mit dem Elias-Canetti-Stipendium ausgezeichnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Essays-zur-Literatur-7.-Tanja-Paar.-M-von-Antonio-Scurati.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Tanja Paar und Antonio Scuratis &#8222;M. Der Sohn des Jahrhunderts&#8220; &nbsp; \u201eM. 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