﻿{"id":435,"date":"2023-06-30T11:05:07","date_gmt":"2023-06-30T09:05:07","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-1\/"},"modified":"2023-10-27T16:17:59","modified_gmt":"2023-10-27T14:17:59","slug":"essays-zur-literatur-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-1\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #1"},"content":{"rendered":"<h4>Barbara Frischmuth, die Wiederentdeckung von Italo Calvino<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen hatte ich einen Traum, in dem ich mich in unserem Amberbaum sah, die Arme um den Stamm gelegt, ihn dabei messend, ob er schon stark genug w\u00e4re, eine Buntspechtfamilie zu beherbergen. Oberhalb von mir lag, an einem Ast festgekrallt, die Katze und zuckte mit dem Schwanz, wie sie es immer tat, wenn sie auf Beute aus war.<\/p>\n<p>Ja oder nein, sagte jemand von unten und r\u00fcttelte am Baum. Alle V\u00f6gel aus der Krone spreizten die Fl\u00fcgel und pfiffen ein Lied, das ich zu erkennen glaubte, dessen Text ich aber vergessen hatte.<\/p>\n<p>Als ich wach wurde, fiel mir Italo Calvino ein. Ich hatte einige B\u00fccher von ihm gelesen, allerdings in den fr\u00fchen Achtzigern, also vor vierzig Jahren. Pl\u00f6tzlich hatte ich das Gef\u00fchl, zumindest eines seiner B\u00fccher wieder lesen zu m\u00fcssen, der Themen wegen, aber noch mehr war ich an Calvinos Sprache und der Atmosph\u00e4re, die sie schuf, interessiert. Ich glaubte, mich an etwas erinnern zu k\u00f6nnen, was mir damals nicht nur das Lesen, sondern auch das sich Einf\u00fchlen leichter gemacht hatte. Ein Umgang mit der Welt, die trotz aller Ecken und Kanten in sich verschr\u00e4nkt blieb. Spruch und Widerspruch, drinnen und drau\u00dfen, oben und unten, zeitnah und zeitfern, alles brauchbar, um in Balance zu kommen, auch wenn diese st\u00e4ndig in Bewegung blieb und in jede Richtung ausschlug, selbst wenn Beruhigung erwartet wurde.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdachte, desto deutlicher empfand ich Calvinos Vorhaben, die Welt als Ganzes darzustellen, samt Mutationen, aber auch den diversen Herk\u00fcnften. Das fing schon mit den Erz\u00e4hlungen an, in denen der Krieg noch seine grausamen Seiten zeigte und meist niemand \u00fcber ihn sprechen wollte, schon gar nicht von den vierziger- bis zu den sechziger Jahren, Calvino schon. Ich denke dabei an die beeindruckenden Erz\u00e4hlungen, wie zum Beispiel \u201eZuletzt kommt der Rabe\u201c, \u201eDollars und alte Kokotten\u201c oder \u201eSie schlafen wie die Hunde\u201c, in denen von der Nachkriegszeit und ihrer, dem Krieg geschuldeten Armut, die Rede ist.<\/p>\n<p>Ich fing wieder an, Calvino zu lesen und statt des einen Buches, an das ich dachte, wurden es sieben. Einige davon besa\u00df ich noch, die anderen holte ich mir in ihrer Taschenbuchform aus der Buchhandlung.<\/p>\n<p>Schon bei der Lekt\u00fcre von \u201eAbenteuer einer Badenden\u201c, war mir klar, dass ich weiterlesen w\u00fcrde, lesen, solange ich B\u00fccher von Calvino bekommen konnte, und so merkw\u00fcrdig es auch klingen mag, ich f\u00fchlte mich in ihnen als w\u00e4ren sie schon immer meine Wegbegleiter gewesen, auch in Zeiten, in denen ich sie nicht las. Die Vertrautheit mit ihnen war geblieben, auch wenn ich einiges vergessen hatte, aber das konnte man ja nachlesen.<\/p>\n<p>Calvinos Drang nach Universalit\u00e4t l\u00e4sst sich vor allem bei seinen sp\u00e4teren Werken wie \u201eDie unsichtbaren St\u00e4dte\u201c, aber auch bei \u201eWenn ein Reisender in einer Winternacht\u201c oder \u201eDas Schloss, darin sich Schicksale kreuzen\u201c erleben. Ich verwende dieses Wort im Sinne der unz\u00e4hligen Formen des Lebens, von denen man lesend in Erfahrung bringen konnte, was m\u00f6glich ist, wobei das M\u00f6gliche immer nur eine Variante der Varianten ohne Fixierung ist. Was sagen will, dass es so etwas wie einen Stein, der ins Rollen kommt, oder ein erstes Lebewesen gar nicht geben konnte, weil das M\u00f6gliche immer schon vielf\u00e4ltig ist.<\/p>\n<p>Genauer ausgedr\u00fcckt und im Bereich der Literatur nachvollzogen, sind zum Beispiel die S\u00e4tze eines Protagonisten (ebenfalls Schriftsteller) aus \u201eWenn ein Reisender\u2026\u201c: Und was ist mit dem Verbum \u201alesen\u2018? Wird man je sagen k\u00f6nnen \u201aheute liest es?\u2018, so wie man sagt \u201aheute regnet es\u2018? Angenommen, es gel\u00e4nge der Schrift als solcher die Begrenztheit des Autors zu \u00fcberwinden, so behielte sie gleichwohl nur einen Sinn, wenn sie von einer Einzelperson gelesen wird und deren geistige Strom-oder Regelkreise durchl\u00e4uft. Nur dass es f\u00fcr ein Individuum lesbar ist, beweist die Teilhabe des Lebendigen an der Macht des Schreibens als Schrift, die sich auf etwas, den Einzelnen \u00dcbergreifendes, gr\u00fcndet. Das Universum wird sich so lange ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, wie jemand zu sagen vermag: \u201eIch lese, also schreibt es\u201c.<\/p>\n<p>Auf diese Weise lassen sich viele S\u00e4tze \u00fcber das Lesen und Schreiben in das Leben an sich zur\u00fcckverfolgen, um es gleichzeitig in den Bereich des M\u00f6glichen in die Zukunft zu versetzen, wobei die Zukunft immer weiter in die M\u00f6glichkeit vordringt, die jedoch oft \u00fcber die Realisierung und das Gewesensein stolpert.<\/p>\n<p>Ich musste an den wesentlich j\u00fcngeren Emanuele Coccia denken, einen Pflanzenexperten und Philosophen, der m\u00f6glicherweise von Calvino inspiriert worden ist, als er das Buch \u201eDie Wurzeln der Welt\u201c schrieb. S\u00e4tze wie: \u201eLeben ist im Wesentlichen ein Leben vom Leben der anderen: Leben im und durch das Leben, das andere aufzubauen oder zu erfinden wussten. Das Lebendige charakterisiert sich durch eine Art universellen Parasitismus, ja Kannibalismus: es ern\u00e4hrt sich von sich selbst, betrachtet nur sich, braucht sich selbst f\u00fcr andere Daseinsformen und Daseinswege. Als w\u00e4re das Leben in seinen komplexesten, am st\u00e4rksten ausartikulierten Formen immer nur eine unermessliche kosmische Tautologie.\u201c<\/p>\n<p>Und genau diese Tautologie glaubte ich bei \u201eDer geteilte Visconte\u201c zu finden, n\u00e4mlich in den zwei H\u00e4lften des Visconte. Ein Schwarzer Rappe, der zeigt, dass sowohl das Schwarze wie auch das Rappige sich sehr \u00e4hneln, aber nicht gleich sind. Zu viele Nuancen wechseln und verwechseln einander, was schlie\u00dflich in einem Satz von Calvino endet: \u201eVon den beiden H\u00e4lften ist die gute noch schlimmer als die b\u00f6se\u201c, w\u00e4hrend es davor hie\u00df: \u201e Solltest du jemals zu einer H\u00e4lfte deiner selbst werden, und das w\u00fcnsche ich dir mein Junge, wirst du Dinge verstehen, die der Intelligenz ganzer Hirne verschlossen bleiben. Du wirst dann die H\u00e4lfte deiner selbst und der Welt verloren haben, aber die verbliebene H\u00e4lfte wird tausendmal tiefer und kostbarer sein. Und auch du wirst wollen, dass alles zerrissen und gespalten sei nach deinem Bilde, denn Sch\u00f6nheit und Weisheit und Gerechtigkeit finden sich nur in der Zerst\u00fcckelung.\u201c<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre von Calvinos Werken begegnet man oft der Lust an der poetisch widerspr\u00fcchlichen Darstellung alles Lebendigen, w\u00e4hrend die pure Philosophie sich auf h\u00f6chster Sprachebene eine Weltsicht zu erarbeiten trachtet, die manchmal vor lauter Anstrengung am Lebendigen vorbeischrammt und dann streckenweise austrocknet.<\/p>\n<p>Calvino ist mit seiner Literatur oft sehr nahe an der Philosophie, nur sieht man ihm die Anstrengung nicht an. Seine Figuren pr\u00e4gen sich ein als die verschiedenartigsten Menschen, die es gibt, auch wenn sie in einer artifiziellen Haut stecken. Man glaubt ihnen die Lebendigkeit, freut sich und leidet mit ihnen, als w\u00e4ren sie einer oder eine von uns, auf die man schon lange gewartet hat. Protagonisten, die wie der geteilte Visconte, der Ritter, den es nicht gab oder der Baron auf den B\u00e4umen, stehen in ihrer Skurrilit\u00e4t f\u00fcr etwas, das ohne Tamtam erkannt werden m\u00f6chte. Das hei\u00dft, dass man \u00fcber sie nachdenken soll, ohne eine eindeutige L\u00f6sung zu erwarten.<\/p>\n<p>Der Visconte und der Ritter, deren Verk\u00f6rperung, das M\u00f6gliche \u00fcberschritten hat, geh\u00f6ren dennoch zu unserer Welt und dienen als Erweiterung unseres Horizonts, der st\u00e4ndig neue Wesen miteinschlie\u00dft. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der Calvino Figuren dieser Art erfindet, l\u00e4sst auch seinen Humor nie allzu laut werden, und genau das macht den Charme seiner Gesch\u00f6pfe so lesens- und liebenswert.<\/p>\n<p>Beim Baron auf den B\u00e4umen geht es erst einmal darum, sich mit der kunstvolle Normalisierung der \u201aunm\u00f6glichen\u2018 Figur zu befassen, die einige Etagen h\u00f6her lebt und sich nur der Natur zu beugen scheint. Interessanterweise hat sich aber mit der Zeit auch die Natur einem Menschenleben anzupassen, denn der Baron, l\u00e4sst sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck von den B\u00fcchern bis zur Kleidung vieles auf die B\u00e4ume bringen.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der beschlossen hat, nur mehr in einer anderen, f\u00fcr Tiere und Pflanzen erschaffenen, Welt zu leben, ohne dabei der Kultur seines fr\u00fcheren Daseins zur G\u00e4nze zu entsagen, bedeutet wohl, dass Natur und Kultur nur schwer zu trennen sind, schon deswegen, weil der Mensch, der die Kultur entworfen und installiert hat, selbst ein Produkt der Natur ist. Allerdings hat er inzwischen vergessen, was er der Natur schuldet, um das dringend notwendige Gleichgewicht halten zu k\u00f6nnen. Die Kultur, die er erschaffen hat, braucht mehr und mehr Ressourcen auf und ger\u00e4t dabei immer weiter in den Fl\u00e4chenfra\u00df, mit einer Gier, die an dem weltweiten Klimawandel, den Tieren und Pflanzen enormen Schaden verursacht, in einem Ausma\u00df, dass in naher Zukunft der Mensch sich die Erde nicht mehr untertan machen wird, sondern die Natur als Akteur die Menschen wieder von sich abh\u00e4ngig machen wird, wie das in fr\u00fchen Zeiten der Fall war.<\/p>\n<p>All das l\u00e4sst sich aus der Geschichte des Barons herauslesen und wurde zu einer Zeit geschrieben (1956-57), in der man langsam, viel zu langsam, zu verstehen begann, dass mit der Umwelt Schindluder getrieben wird.<\/p>\n<p>Wann immer ich \u00fcber ein Buch von Calvino nachdenke, ist das Ergebnis, wie so oft bei gro\u00dfer Literatur, nicht eindeutig. Meist gibt es verschiedene Interpretationen, wie zum Beispiel bei \u201eDie unsichtbaren St\u00e4dte\u201c, dem Buch der absoluten Diversit\u00e4t. Schon das Szenario geh\u00f6rt zu den \u201aunglaublichen\u2018, historisch nur angehauchten, Begegnungen zweier allgemein bekannter M\u00e4nner, n\u00e4mlich Kublai Khan, der Mongolen-Kaiser, und der venezianischen Reisende Marco Polo, der mit seinen 55 Entw\u00fcrfen f\u00fcr St\u00e4dte, die es so nicht gibt, Kublai Khan zu zeigen versucht, wie weit das M\u00f6gliche gehen kann. Doch der Kaiser ist noch nicht zufrieden, da Polo ihm scheints etwas vorbeh\u00e4lt. Wie sich herausstellt, geht es dabei um Venedig, die Stadt, aus der Polo kommt. Worauf Polo zu erkl\u00e4ren versucht: \u201eUm die Eigenschaften der anderen zu unterscheiden, muss ich von einer ersten Stadt ausgehen, die inbegriffen ist. F\u00fcr mich ist das Venedig\u201c.<\/p>\n<p>Mit einem Wort, auch das M\u00f6gliche braucht einen Boden, der fest unter den F\u00fc\u00dfen steht.<\/p>\n<p>Immer wieder diskutieren die beiden M\u00e4nner \u00fcber ihre Modelle von St\u00e4dten in Debatten \u00fcber das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche, bis Polo zu einem Calvinischen Ende findet, indem er meint: \u201eIch brauche also bei meinem Modell nur Ausnahmen zu subtrahieren und habe dann, gleichg\u00fcltig, nach welcher Reihenfolge ich vorgehe, eine von den St\u00e4dten vor mir, die, wenn auch stets als Ausnahmeerscheinung, existieren. Doch kann ich mein Unterfangen nicht \u00fcber eine bestimmte Grenze vorantreiben: Ich w\u00fcrde St\u00e4dte erhalten, die zu wahrscheinlich sind, um wahr zu sein\u201c.<\/p>\n<p>Mit diesem Satz ist die Literatur von Calvino sozusagen umrissen. Was innerhalb dieser leicht br\u00f6ckelnden Grenzen entsteht, sind die literarisch-poetischen Details, an denen die Lesenden ihre Freude haben werden.<\/p>\n<p>Barbara Frischmuth<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Barbara Frischmuth wurde 1941 in Altaussee (Steiermark) geboren. 1967 erschien als erste \u00dcbersetzung aus dem Ungarischen das KZ-Tagebuch der Siebenb\u00fcrger J\u00fcdin Ana Novac im Rowohlt Verlag, ein Jahr darauf ihr erstes eigenes Werk \u201eDie Klosterschule\u201c bei Suhrkamp. Von da an publizierte sie Romane, Erz\u00e4hlungen, Dramen, H\u00f6rspiele und einige weitere \u00dcbersetzungen aus dem Ungarischen. Seit 1999 lebt die Autorin wieder in Altaussee.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/essays_zur_literatur_1._barbara_frischmuth._die_wiederentdeckung_von_italo_calvino.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Barbara Frischmuth, die Wiederentdeckung von Italo Calvino &nbsp; Vor einigen Wochen hatte ich einen Traum, in dem ich mich in unserem Amberbaum sah, die Arme um den Stamm gelegt, ihn dabei messend, ob er schon stark genug w\u00e4re, eine Buntspechtfamilie zu beherbergen. Oberhalb von mir lag, an einem Ast festgekrallt, die Katze und zuckte mit [&hellip;]","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":420,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-435","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/435","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=435"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/435\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2172,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/435\/revisions\/2172"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=435"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}