﻿{"id":445,"date":"2023-06-30T11:20:05","date_gmt":"2023-06-30T09:20:05","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/?page_id=445"},"modified":"2023-10-27T16:21:10","modified_gmt":"2023-10-27T14:21:10","slug":"essays-zur-literatur-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-3\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #3"},"content":{"rendered":"<h4>Carolina Schutti und Jhumpa Lahiris \u201eWo ich mich finde\u201c<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wo ich mich finde.<\/em><\/p>\n<p>Auf dem B\u00fcrgersteig? Am Ticketschalter? In der Sonne? Vor dem Spiegel? Im Stillen? In ihrem recht schmalen, auf den ersten Blick unaufgeregt wirkenden Roman zeichnet die Autorin Jhumpa Lahiri in 46 kurzen Kapiteln behutsam die Spurensuche einer alleinlebenden Italienerin nach, die \u2013 so der Klappentext \u2013 \u201eunsicher, scheu, orientierungslos, sich selbst fremd\u201c regelm\u00e4\u00dfig Orte aufsucht, die sie gut kennt. Als Universit\u00e4tsangestellte kann sie auf einen klar strukturierten Tagesablauf und ihren soliden Lebensentwurf vertrauen, doch verhindert ihre selbstgew\u00e4hlte, durchaus sture Zur\u00fcckgezogenheit das Entstehen tiefergehender Beziehungen. Lediglich ihre betagte Mutter, die sie trotz ihrer schwierigen Beziehung regelm\u00e4\u00dfig besucht, sowie einige kollegiale und freundschaftliche Verbindungen bilden so etwas wie ein soziales Netz. Emotional bet\u00e4ubt und gleichzeitig scharf in ihren Beobachtungen flaniert sie auf scheinbar immergleichen Wegen durch die Stadt. Wie hoch der Preis f\u00fcr ihr durchaus selbstbestimmtes Leben ist, wird immer deutlicher, und ein Ausflug ans Meer st\u00f6\u00dft schlie\u00dflich etwas in ihr an, das sie eine unerwartete Entscheidung treffen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Jhumpa Lahiri ist mir, soviel gleich vorweg, in mehrerer Hinsicht sehr nahe. Ihre Sprach- und Schreibbiographie, all die Kompliziertheiten in Bezug auf Fremdsein, Heimischwerdung, Identit\u00e4tsfindung, trafen bei mir einen Punkt, der mich sofort hellh\u00f6rig werden lie\u00df, als ich zum ersten Mal von der Autorin h\u00f6rte. W\u00e4hrend ich immer noch damit besch\u00e4ftigt bin, nach Resten meiner Muttersprache zu suchen, recht erfolglos versuche, sie mir wieder anzueignen und irritiert auf den Umstand blicke, dass l\u00e4ngst nicht mehr ich die Ausl\u00e4nderin bin, sondern andere meinen Platz eingenommen haben, w\u00e4hlt Lahiri eine ihr v\u00f6llig fremde Sprache und Kultur, um darin so etwas wie Heimat zu finden.<br \/>\nAnders zu sein bedeutet in Lahiris Fall ein Anderssein auf den ersten Blick. Eine Erfahrung, die ich nie machen musste. Solange ich meinen Mund nicht auftat und mich meine Mutter nicht in allzu merkw\u00fcrdige Kleidung steckte, fiel ich nicht weiter auf und konnte unerkannt durch die \u00f6sterreichische Gesellschaft treiben. Mit der zun\u00e4chst erzwungenen, meine sprachlichen Wurzeln nachhaltig zerst\u00f6renden Aneignung der deutschen Vater-Sprache landete ich unvermutet auf einem Abstellgleis. Ich musste die bittere Erfahrung machen, das \u201efalsche\u201c Deutsch gelernt zu haben, mein Hannoveraner Akzent (mein Vater wuchs dort als Kind polnischer Vertriebener auf) kam in Tirol alles andere als gut an und bot in Kombination mit meinem polnischen Nachnamen ausgiebig Anlass f\u00fcr Spott und Ausgrenzung. M\u00fchsam und heimlich, da zuhause verp\u00f6nt, schmierte ich wenigstens so etwas wie eine Tiroler Aussprache \u00fcber meine deutschen S\u00e4tze, die bis ins junge Erwachsenenalter hinein immer noch Schlagl\u00f6cher aufwiesen, tiefgehende Unsicherheiten in Bezug auf Grammatik und Wortwahl. Zuhause war ich in meiner zweiten, nunmehr einzigen, Vatersprache lange nicht.<br \/>\nJahre sp\u00e4ter, als mich bei einer Schullesung eine Jugendliche f\u00fcr meine sch\u00f6nen Formulierungen lobte und fragte, ob ich denn beim Schreiben dauernd nachschlagen w\u00fcrde oder tats\u00e4chlich alle W\u00f6rter auswendig wisse, kamen mir die Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Jhumpa Lahiri Vourvoulias, so ihr voller Name, wurde 1967 als Kind indischer Einwanderer in London geboren, wuchs auf Rode Island auf, studierte und lehrte unter anderem an der Boston University. In ihren Texten, vornehmlich Kurzgeschichten und Romanen, besch\u00e4ftigt sie sich unter anderem mit den schwierigen Lebensumst\u00e4nden von Einwanderern in Amerika. Im Jahr 2000 wurde sie mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 2012 zog sie mit ihrer Familie nach Rom und schrieb eine Zeitlang ausschlie\u00dflich auf Italienisch, ehe sie wieder zur\u00fcck nach New York zog, wo sie heute noch lebt und lehrt.<br \/>\nJede Biografie ist gepr\u00e4gt von einer Mischung aus Gegebenem, aus fremd- und selbstbestimmten Entscheidungen und Handlungen. Sehns\u00fcchte und Erwartungen pr\u00e4gen sich erst im Verlauf eines Lebens heraus, bestimmen h\u00e4ufig die Richtung unserer Gedanken. \u201eIch denke: Mich erwartet ein neuer Himmel, auch wenn er noch so sehr mit diesem hier verbunden ist\u201c, schreibt Lahiri. Sie hat diesen neuen Himmel am eigenen Leib erfahren, als sie, die nie flie\u00dfend Bengali konnte und sich in Amerika nicht angenommen f\u00fchlte, zun\u00e4chst ihre Wahlsprache Italienisch lernte und so weit perfektionierte, dass sie in der Lage sein w\u00fcrde, die Fremdsprache als neue Literatursprache zu verwenden. Es sei \u201eVerliebtheit\u201c gewesen, die sie in die Arme des Italienischen getrieben habe. Ein D\u00fcrfen, kein M\u00fcssen; ein Verlangen, ein Wollen. Und dennoch: Was f\u00fcr ein Wagnis. Eine erfolgreiche, mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnete Autorin, die ausgerechnet die Sprache, in die vermutlich so gut wie jede Autorin, jeder Autor dieser Welt \u00fcbersetzt werden m\u00f6chte, zumindest tempor\u00e4r aufgibt, um ihre Literatur in einer ungleich weniger weit verbreiteten Sprache zu verfassen, die sie erst als Erwachsene gelernt hat? Der Grund daf\u00fcr erscheint freilich einleuchtend: Die Kulturwissenschaftlerin Dagmar Reichardt weist in ihrem klugen, \u00fcbrigens auch auf Deutsch vorliegenden Aufsatz \u201eTradizioni e traduzioni nomadi. La tecnica del transcultural switching nell\u2019opera italofona di Jhumpa Lahiri\u201c darauf hin, dass Lahiri einmal in einem Interview mit der Wochenzeitung \u201eDer Spiegel\u201c gestanden habe, sie h\u00e4tte \u201enie an einem Ort gelebt, an dem ich vollkommen akzeptiert wurde\u201c.<br \/>\nDie \u201eAdoption\u201c (Lahiri) des Italienischen kann also durchaus als ein Akt der Befreiung und der Selbsterm\u00e4chtigung gesehen werden. Eine Adoption begr\u00fcndet zwar keine Blutsverwandtschaft, bildet aber immerhin ein unzerrei\u00dfbares, auch formell abgesichertes Band. Wenn auch die emotionale Bindung langsam wachsen muss (wie viel leichter ist es, in einer Fremdsprache zu fluchen, zu schw\u00f6ren, zu gestehen!), so liegt es doch im Wesen jeder Adoption, selbstbestimmt und in vollem Bewusstsein der Tragweite einer solchen Beziehung Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>In ihren italienischen B\u00fcchern spielt Jhumpa Lahiri nicht mit der Vermischung von Sprachen, sie betreibt kein mehr oder weniger transparentes Code-Switching, sondern bleibt konsequent innerhalb der M\u00f6glichkeiten (und Grenzen) der selbstgew\u00e4hlten neuen Sprach-Heimat. Ihr Stil ist klar und reduziert, Reichhard spricht gar von einer \u201eminimalistischen \u00c4sthetik, tiefgr\u00fcndig authentisch\u201c. Lahiri zieht, so Reichhard weiter, dem Code-Switching das v\u00f6llige Eintauchen in die Sprache vor. Konsequenz beweist sie auch in der Hinsicht, dass sie ihre italienischen Texte nicht etwa selbst ins Englische \u00fcbersetzt, sondern diese Arbeit Ann Goldstein anvertraut.<\/p>\n<p>\u201eWo ich mich finde\u201c (\u201eDove mi trovo\u201c), 2018 auf Italienisch und zwei Jahre sp\u00e4ter in der \u00dcbersetzung von Margit Knapp auf Deutsch erschienen, ist Lahiris erster Roman in italienischer Sprache. W\u00e4hrend sie sich im ebenfalls auf Italienisch erschienen Vorg\u00e4ngerbuch \u201eIn altre Parole\u201c (\u201eMit anderen Worten. Wie ich mich ins Italienische verliebte\u201c) mit den Gr\u00fcnden f\u00fcr den selbstgew\u00e4hlten Sprach- und Kulturwechsel bzw. mit den Konsequenzen, die daraus erwachsen sind, besch\u00e4ftigt, entfernt sie sich in diesem Roman von der eigenen Biografie und konzentriert sich ganz auf ihre Hauptfigur. Einsamkeit, ein Verlorenheitsgef\u00fchl, der Zweifel an der F\u00e4higkeit, an einem Ort Wurzeln schlagen zu k\u00f6nnen, sind freilich auch hier zentrale Themen. Vergeblich bem\u00fcht sich die Ich-Erz\u00e4hlerin darum, ihrem B\u00fcro an der Universit\u00e4t so etwas wie Atmosph\u00e4re zu verleihen, da helfen auch die von ihr angeschleppten Bilder und Pflanzen nichts: \u201eEs bleibt eine Transitzone, ich werde hier drinnen einfach nicht heimisch. Meine Kollegen neigen dazu, mich zu ignorieren, und ich ignoriere sie. Vielleicht finden sie mich kratzb\u00fcrstig, abweisend, wer wei\u00df. Wir sind dazu gezwungen, B\u00fcronachbarn zu sein, immer anwesend, und trotzdem f\u00fchle ich mich am Rand von allem.\u201c Es scheint, als w\u00e4re sie an allen Orten auf Durchreise: \u00fcberhetzter Aufbruch statt Anwesenheit, Beobachtung statt Teilnahme, unbestimmte Sehnsucht statt Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p>Auch wenn sie eine beste Freundin hat, bleiben das Vage, das Beinahe-aber-doch-nicht-Ganz das gesamte Buch \u00fcber schmerzhaft sp\u00fcrbar: \u201eAuf der Stra\u00dfe in meinem Viertel begegne ich manchmal einem Mann, mit dem ich eine Geschichte h\u00e4tte haben k\u00f6nnen. Wer wei\u00df, vielleicht sogar eine lebenslange.\u201c Dazu kommt es nicht, denn der Mann ist der Lebensgef\u00e4hrte ihrer Freundin. Sie hat zwar Aff\u00e4ren, doch diese sind fl\u00fcchtig, ihren Freundschaften mangelt es an Tiefe. Es ist nicht so, dass sie keine sozialen Kontakte h\u00e4tte, doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, sie denke sich lieber in die Leben anderer Leute hinein, anstatt in ihrem eigenen Leben Wurzeln zu schlagen. Manchmal macht es gar den Anschein, dass sie kaum mehr ist als nur eine H\u00fclle ihrer selbst. Dennoch: Sie ist kein Opfer widriger Umst\u00e4nde, sondern eine durchaus moderne Frau, die ihr einsames Leben selbst gew\u00e4hlt hat. \u201eVon jeher fehlt mir der Antrieb\u201c, gesteht sie gegen Ende des Buches, schon als Schulkind sei sie blockiert gewesen. Diese Blockade zeigt sich unter anderem daran, dass sie im Fr\u00fchling nicht aufbl\u00fcht, sondern an dieser Jahreszeit leidet. Sie f\u00fchlt sich irritiert vom \u201eneuen Licht\u201c und stellt fest, dass jede bittere Wendung ihres Lebens im Fr\u00fchling stattgefunden habe. Generell scheint sie keine Freundin von Wendungen zu sein, auch wenn sie sich solche immer wieder herbeitr\u00e4umt. Kann nicht vielleicht eine Einladung von au\u00dfen helfen, etwa das Jahresstipendium im Ausland? Die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit einer Wiederbegegnung mit einem Philosophen, dessen Bild sie in einer Zeitung sieht? Oder muss sie sich der Tatsache stellen, dass ein blo\u00dfer Ortswechsel keine Garantie f\u00fcr ein anderes, besseres Leben ist?<\/p>\n<p>Ich kann nicht sagen, ob Lahiri die Tr\u00e4nen kamen bei der Erkenntnis, alle W\u00f6rter, die sie f\u00fcr ihr Schreiben und Leben ben\u00f6tigt, auswendig zu wissen. Eines aber steht fest: F\u00fcr Lahiri bedeutet der Sprach- und Kulturwechsel mehr als Selbstbestimmung und Freiheit: \u201eDas ist mein Wohnsitz&#8221;, schreibt sie in ihrem Buch, \u201eer besteht aus den W\u00f6rtern, die f\u00fcr mich die Welt bedeuten.\u201c<\/p>\n<p>Carolina Schutti<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Carolina Schutti wurde 1976 in Innsbruck geboren, wo sie heute lebt. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Amerikanistik. Nach ihrer Promotion \u00fcber Elias Canetti war sie Lektorin an der Universit\u00e4t Florenz, ehe sie 2010 ihr Deb\u00fct \u201eWer getragen wird, braucht keine Schuhe\u201c publizierte. Sie verfasste H\u00f6rspiele, Novellen Texte f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Theaterprojekte, Romane und einen Lyrikband. Ihre B\u00fccher wurden mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet sowie in siebzehn Sprachen \u00fcbersetzt. 2023 erscheint ihr neuer Roman \u201eMeeresbrise\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/essays_zur_literatur_3._carolina_schutti._wo_ich_mich_finde_von_jhumpa_lahiri.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Carolina Schutti und Jhumpa Lahiris \u201eWo ich mich finde\u201c &nbsp; Wo ich mich finde. Auf dem B\u00fcrgersteig? Am Ticketschalter? In der Sonne? Vor dem Spiegel? Im Stillen? 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