﻿{"id":504,"date":"2023-07-07T10:19:19","date_gmt":"2023-07-07T08:19:19","guid":{"rendered":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/?page_id=504"},"modified":"2023-10-27T16:24:43","modified_gmt":"2023-10-27T14:24:43","slug":"essays-zur-literatur-6","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/lingua-e-cultura\/biblioteca\/racconti-di-lettura\/essays-zur-literatur-6\/","title":{"rendered":"Essays zur Literatur #6"},"content":{"rendered":"<h4>Ilija Trojanow und Gianni Rodaris \u201eZwiebelchen\u201c<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich zehn Jahre alt war, wurde ich an der Niere operiert. Ein schwerer und schwieriger Eingriff, nach einer Woche aufwendiger Tests. Danach lag im Krankenbett, zum ersten Mal schwer entt\u00e4uscht vom Leben. Mein Vater sa\u00df daneben und las mir vor. Auf Bulgarisch, meiner Muttersprache. Ein Buch, das mir meine Gro\u00dfmutter per Post geschickt hatte \u2013 wir waren vier Jahre zuvor in den Westen geflohen und B\u00fccher waren das einzige Produkt aus der Mangelwirtschaft meines Herkunftslandes, mit dem sie mich und uns begl\u00fccken konnte.<\/p>\n<p>Ich kannte das vorgelesene Kinderbuch schon, die Figuren darin waren h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich und daher unvergesslich: Kirschen und Radieschen, Apfelsinen und Erbsen. Limonen und Trauben. Sowie ein Herr namens K\u00fcrbis, der immerzu seufzt, eine melancholische Figur, die schon zu meinem Liebling geworden war. Beschrieben wird eine Welt, die mir einerseits bekannt vorkam und doch andererseits auf den Kopf gestellt schien. Es gibt einen Schuster, so weit so normal, aber auch einen Vater Tausendf\u00fc\u00dfler, der f\u00fcr seine Kinder neue Schuhe in Auftrag gibt. Das \u00fcberfordert selbst den flei\u00dfigsten Schuster. Ein rachs\u00fcchtiger F\u00fcrst namens Zitrone regiert, ein Junge namens Zwiebelchen protestiert. Es entstehen jede Menge Konflikte und Verwicklungen, die alles andere als niedlich oder harmlos sind, und doch brachte mich das Buch zum Lachen. Immer wieder und so sehr (kein Schmunzeln, sondern berstendes Wiehern), dass meine Wunde schmerzte. Worauf ich aufschrie, mein Vater m\u00f6ge aufh\u00f6ren vorzulesen. Was er sofort tat. Bis der Schmerz verklang und ich ihn unweigerlich bat, weiterzulesen. So ging es \u00fcber Tage hinweg, ich genoss jede der vielen witzigen Szenen mit Schmerzen.<\/p>\n<p>Wer einem Kinderbuch nicht so viel wilden Humor zutraut, der m\u00f6ge sich vorstellen, dass Zwiebelchen und seine Freunde eines Tages das H\u00e4uschen von K\u00fcrbis auf einen Karren in den Wald schieben, um es vor der machtgierigen Tomate zu verstecken. Sie vertrauen es dem Herrn Heidelbeere an, dem \u2013 kaum ist er wieder allein im Wald \u2013 der Fluch des Eigentums aufgeht: \u201eJetzt, da ich ein so gro\u00dfes Haus habe, werden sie bestimmt kommen, um mich auszurauben.\u201c Was also tun? Er befestigt einen Zettel an der Haust\u00fcr, mit der Bitte an die Diebe, sie m\u00f6gen das Gl\u00f6ckchen l\u00e4uten, dann werde er sie hereinbitten und ihnen zeigen, dass es in diesem H\u00e4uschen nichts zum Stehlen gibt. Gegen Mitternacht wird Herr Heidelbeere von Unbekannten geweckt:<\/p>\n<p>\u201eWer da\u201c, fragte er und trat ans Fensterchen.<br \/>\n\u201eHier sind Diebe\u201c, antwortete eine unheimliche Stimme.<br \/>\n\u201eIch komme sofort. Gedulden sie sich ein wenig, bis ich meinen Schlafrock angezogen habe\u201c, sagte Herr Heidelbeere beflissen.<\/p>\n<p>Die Diebe erkennen entt\u00e4uscht, dass es hier nichts zum Holen gibt. \u201eIch bedauere es ebenso, glauben Sie mir\u201c, sagt Herr Heidelbeere, der ihnen zum Trost und Abschied eine Rasierklinge schenkt, eine Erbschaft seines Urgro\u00dfvaters. Worauf sich die Diebe rasieren und mit Dankesworten verabschieden. \u201eIm Grunde genommen waren es zwei gute Kerle.\u201c Zwei Stunden sp\u00e4ter bimmelt es wieder. Zwei andere Diebe. Ohne Bart und ohne Jackenkn\u00f6pfe, so dass Herr Heidelbeere ihnen Nadel und Faden schenkt und sie darauf hinweist, beim Gehen stets auf den Boden zu schauen, denn dort finden sich viele Kn\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Gianni Rodari hei\u00dft der Autor und \u201eCipollino\u201c (Zwiebelchen) sein grandioses Kinderbuch, eine freche Gem\u00fcse- und Obstparabel, die mir die befreiende Kraft der Fantasie aufzeigte. Meine Eltern mussten es mir immer wieder vorlesen, weil ich das kyrillische Alphabet nicht entziffern konnte. Als ich mir viel sp\u00e4ter selber die kyrillische Schrift beigebracht habe, mithilfe eines Lehrbuchs f\u00fcr die erste Klasse (das mit \u201eMa-ma\u201c begann), habe ich als erstes \u201eZwiebelchen\u201c gelesen. Buchstaben um Buchstaben, Wort um Wort genossen, wirkte das Lieblingsbuch meiner Kindheit weniger lustig, daf\u00fcr weiser. Es erinnert mich heute an George Orwells \u201eFarm der Tiere\u201c, ein Buch, das so kanonisch geworden ist, es gab \u2013 als vor kurzem die Rechte frei wurden \u2013 gleich drei neue deutschsprachige \u00dcbersetzungen. F\u00fcr eine der Ausgaben habe ich ein Vorwort geschrieben und zu diesem Anlass die beiden B\u00fccher miteinander verglichen. Ein Unterschied ist offensichtlich: \u201eZwiebelchen\u201c ist f\u00fcr Kinder geschrieben, \u201eFarm der Tiere\u201c hingegen f\u00fcr Erwachsene, auch wenn es sich als Fabel verkleidet. W\u00e4hrend George Orwells Vision von der englischen Viehwirtschaft ausgeht, von dem ber\u00fchmten \u201elivestock farming\u201c (er selber hat selbst w\u00e4hrend des Kriegs im Londoner Hinterhof H\u00fchner gehalten), entz\u00fcndet sich Gianni Rodaris Fantasie an einem opulenten italienischen Bauernmarkt, auf dem die vielen Gem\u00fcse- und Obstsorten in den Tragen mit einem Taktschlag zum Leben erwachen, um die Kinder zu erwecken \u2013 w\u00e4hrend Orwell eher die Erwachsenen aufschrecken wollte. Aber hinter diesen beiden deftigen und dramatischen Geschichten, denen einerseits Ironie und andererseits Humor nicht fehlen, lauert eine bedingungslose Aufkl\u00e4rung. \u00dcber Herrschaft und Ungerechtigkeit. \u00dcber das grimmige Zwanzigste Jahrhundert und seinen vielen Schrecken. \u00dcber die Schw\u00e4che und den Mut von Menschen. \u00dcber die tiefe Trauer, dass es solche Missst\u00e4nde weiterhin gibt. Allerdings ist Gianni Rodaris Buch optimistischer, weil der Autor nicht nur die Notwendigkeit, Widerstand zu leisten, plastisch sichtbar macht, sondern auch die anarchischen Mittel des Widerstands aufzeigt. George Orwells Fabel ist hingegen zutiefst deprimierend.<\/p>\n<p>Das hat einiges mit der Biografie des Autors zu tun, wie ich viel sp\u00e4ter herausgefunden habe. Gianni Rodari war ein typischer italienischer Intellektueller, der einige Jahre in einem Priesterseminar verbrachte, bevor er im Mai des Jahres 1944 in die Kommunistische Partei Italiens eintrat. Er war ein Leben lang engagierter Schriftsteller, der sich bewusst auf Kinder- und Jugendb\u00fccher spezialisierte, um die Menschen fr\u00fch schon positiv zu beeinflussen, mit dem erkl\u00e4rten Ziel, \u201edie Kinder dieser Welt l\u00e4cheln zu sehen\u201c. Au\u00dferhalb Italiens wird er leider nicht ann\u00e4hernd so gesch\u00e4tzt und gew\u00fcrdigt, wie er es eigentlich verdient h\u00e4tte (und wie sehr er heute in Italien gelesen wird, entzieht sich meiner Kenntnis). Interessanterweise ist er im Osten Europas um einiges bekannter als im Westen, was vor allem mit den kulturellen Grabenk\u00e4mpfen und geistigen Grenzziehungen w\u00e4hrend des Kalten Krieges zu tun hat. Bemerkenswert, dass selbst die Rezeption von Kinderliteratur von politischen Haltungen und Stellungen abh\u00e4ngt. Noch 1992, also ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Systems und der Sowjetunion, widmete die russische Post Cipollino eine wundersch\u00f6ne Briefmarke: rechts das grinsende Zwiebelchen, dahinter die grummelnde Tomate. Vorne Zukunft, hinten Vergangenheit, so habe ich es damals verstanden.<\/p>\n<p>Seit jenen schmerzhaft-lustigen Tagen nach schwerster Operation im Krankenhaus habe ich oft an \u201eCipollino\u201c gedacht, an die Abenteuer des Helden (die teilweise an jene von Till Eulenspiegel erinnern) und an die Einsichten (die mir \u00fcbrigens profunder erscheinen als jene von Pinocchio), die mir in diesem Buch vermittelt wurden und die sich in meinem Leben Mal ums Mal best\u00e4tigt haben: \u201eDenn auf der Welt gibt es viele Schurken. Und die, die wir fortgejagt haben, k\u00f6nnten ja auch einmal wiederkommen.\u201c<\/p>\n<p>Dieses wundersch\u00f6ne Buch endet mit einer glorreichen Utopie. K\u00fcrbis muss nicht mehr seufzen, der b\u00f6sen Tomate wurde letztlich verziehen und das gr\u00e4ssliche Schloss ist zu einem Haus zum Spielen umgewandelt worden. \u201eEs stimmt, dass es noch andere Schl\u00f6sser auf der Welt gibt und andere Schurken au\u00dfer den Zitronen, aber sie werden alle nacheinander verschwinden und in ihren Parkanlagen werden die Kinder spielen. So soll es sein.\u201c<\/p>\n<p>Dem kann ich mich nur anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>BRAVO, MAESTRO RODARI!<\/p>\n<p>Ilija Trojanow<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren, 1971 fl\u00fcchtete er mit seinen Eltern aus Bulgarien nach Deutschland und wuchs in der Folge in Nairobi auf. E studierte Jura und Ethnologie in M\u00fcnchen. 1989 gr\u00fcndete er den Marino Verlag f\u00fcr B\u00fccher \u00fcber Afrika. Als Autor, \u00dcbersetzer und Publizist lebte Ilija Trojanow von 1998 bis 2003 in Bombay, von 2003 bis 2006 in Kapstadt. Seit 2008 ist er in Wien und Stuttgart zu Hause. Er verfasste Romane, Essays und Dokumentationen f\u00fcr das Fernsehen sowie das Libretto f\u00fcr die Oper Masque, von Hans Huyssen (2005). Trojanow wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Adelbert-von-Chamisso-Preis und der Heinrich-B\u00f6ll-Preis. Dazu hat er Gastprofessuren in St. Louis, Dartmouth, Berlin und Kassel inne; er h\u00e4lt Vorlesungen an der NYU in New York, der Universit\u00e4t T\u00fcbingen sowie an der Filmakademie Wien. Sein Werk wurde in 30 Sprachen \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/essays_zur_literatur_6._ilja_trojanow._zwiebelchen_von_gianni_rodari.pdf\">TEXT ALS PDF<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ilija Trojanow und Gianni Rodaris \u201eZwiebelchen\u201c &nbsp; Als ich zehn Jahre alt war, wurde ich an der Niere operiert. Ein schwerer und schwieriger Eingriff, nach einer Woche aufwendiger Tests. Danach lag im Krankenbett, zum ersten Mal schwer entt\u00e4uscht vom Leben. Mein Vater sa\u00df daneben und las mir vor. Auf Bulgarisch, meiner Muttersprache. Ein Buch, das [&hellip;]","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":420,"menu_order":6,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-504","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=504"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2183,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/504\/revisions\/2183"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iicvienna.esteri.it\/it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}